Schluss mit Folklore

Foto: Eine Szene am Algerien-Stand. Quelle: Miriam Gutekunst.

Wenn ich über die ITB Berlin schlendere, stoße ich immer wieder auf skurrile Situationen.

Da steht eine junge, halbnackte Frau mit dunkler Haut und langen schwarzen Haaren. Bekleidet ist sie mit einem Bastrock und ein paar beigen Lappen. Verschüchtert und mit leicht gesenktem Blick steht sie da, als eine Besucherin sich vor ihr aufbaut und abdrückt.  Als der Blitz der Kamera ihr ins Gesicht schlägt, sieht sie nicht so aus, als ob sie sich in dieser Rolle wohl fühlen würde. Die Fotografin dagegen ist begeistert über ihren Treffer und träumt im Weitergehen schon von exotischen Wochen in Papua Neuguinea. Ein paar Stände weiter bittet eine andere Besucherin ein Mädchen in bunter Blütentracht den Kopf ein wenig zu neigen, damit die prächtige Blume im Haar besser zu sehen ist. Hinter mir meint im gleichen Moment jemand: „So sehen die dort aber nicht aus!“ Gemeint sind die Frauen auf den Malediven. Die Inseln werden an diesem Stand präsentiert.

Das Schema setzt sich in den Hallen der südamerikanischen, afrikanischen und asiatischen Länder fort. Die Szenen erinnern an die Entdeckung der Urvölker in kolonialen Zeiten. Sie gleichen den Fotografien des Ethnologen Bronislaw Malinowski, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Weg zu den Trobriand-Inseln in der Südsee machte, um über die Bevölkerung dort zu forschen. Heutzutage steht sein Verständnis als überlegener, fortschrittlicher Forscher in der Ethnologie stark in der Kritik. Es findet ein Wandel statt, weg von einem ethnozentristischen Blick, der nicht-westliche Völker grundsätzlich als unterlegen und rückschrittlich betrachtet.

Aber nicht auf der ITB Berlin. Touristen sehnen sich nach Gegensätzlichem und Exotik und zahlen dafür, wenn sie einen Urlaub buchen. Die Reiseveranstalter möchten Geld verdienen und bedienen diese Wünsche und stereotypen Bilder. Der Tourismus ist in vielen Regionen ein wichtiges Standbein. Während die europäischen Länder also in schicken Lounges mit technischem Fortschritt, Hochkultur und Feinkost werben, liegen in den Afrika-Hallen Trommelklänge und Gesänge in der Luft. Stammesführer mit Lendenschurz und Speer verteilen Visitenkarten und verschleierte Frauen ziehen Besucher in ihren Bann. Doch Afrika, Asien und Südamerika haben mehr zu bieten als Musik, Tanz und Tracht. In den verschiedenen Ländern haben sich Metropolen entwickelt, die reich sind an jungen Kreativen und politisch Engagierten.

Ägypten hat im letzten Jahr auf der ITB Berlin gezeigt, dass deren Kultur nicht nur aus Kunsthandwerk, Bauchtänzerinnen und Pyramiden besteht. Sie warben mit ihrer Revolution, auf die sie stolz sind und für die sie weltweit Bewunderung und Respekt erhalten haben. Slogans wie „Eine friedliche Revolution inspiriert die Welt“ und „Tahrir – ein Platz rockt die Welt“ sind Beispiele, wie eine andere Vermarktung funktionieren kann. In diesem Jahr sind sie als Partnerland zurück zum Gewöhnlichen gekehrt und haben einen großen Basar aufgebaut mit einem Teppichweber, einer Wahrsagerin und einem Schriftenzeichner, dazwischen ein paar Kleopatras und Männer mit Turban. Der Tourist möchte im Urlaub eben das Exotische entdecken.

Die Frage ist, ob wir das wirklich wollen? Oder gibt es nicht viel Spannenderes zu entdecken in diesen Ländern, wenn wir uns öffnen und den Menschen die Möglichkeit geben, zu zeigen, was ihr Land noch zu bieten hat?  Über was wollen wir uns informieren auf einer Tourismusmesse? Wollen wir Neues erfahren oder vielmehr die Bilder live konsumieren, die wir sowieso in uns tragen? Ich habe für mich entschieden, dass Folklore für mich bestimmt kein Grund ist, um in ein Land zu reisen.

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Malediven überleben die Klimaerwärmung nicht: Futuristisches Bauprojekt als Rettungsansatz

Foto: Paul H.T.M. van de Camp präsentiert „Greenstar“ – ein schwimmendes Tagungshotel, das Nachhaltigkeit verkörpert. Foto: Jana Rentmeister

Die Malediven feiern in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen als Urlaubsdestination – 1972 öffnete das erste Urlaubsressort. Auf natürlichem Wege würde die Inselgruppe längst keine weiteren 40 Jahre schaffen und den Klimawandel überleben: Drei Viertel der Inselgruppe ragt nur einen Meter aus dem Wasser, steigen wird der Meeresspiegel jedoch um 1,5 Meter. Holländische Vorreiter der Architektur geben Einwohnern Hoffnung: Sie bauen auf Wasser.

Visionäre werden vielfach für verrückt und wahnsinnig gehalten, selten für fantastisch. So kämpfen auch die niederländischen Architekten Koen Olthuis und Paul H.T.M. van de Camp (Dutch Docklands) hart für ihre Vision: Sie wollen auf 800 Hektar Wasser treibende Bauwerke positionieren. In Kooperation mit der maledivischen Regierung planen sie futuristische Bauprojekte, um die Malediven zu erhalten: deren „touristische Welt“ und „die der Einwohner“.

Der Klimawandel wird bis zum Jahr 2100 80 Prozent der Malediven unter Wasser gesetzt haben. Nahe der Südspitzen Indiens befindet sich dieses Taucherparadies: 220 der insgesamt 1.196 Inseln werden von Einheimischen bewohnt, 87 weitere werden für touristische Zwecke genutzt. Dort wohnen keine Malediver, sie kommen nur zum Arbeiten. Über eine Strecke von 871 Kilometern erstreckt sich die Inselkette. Die höchste Erhebung ist auf der Insel Vilingili – 2,4 Meter über Null. Drei Viertel der Fläche ist hingegen nur ein Meter höher als der Meeresspiegel, bei einer Steigung von 1,5 Metern wird demnach der Großteil geflutet.

„Das Problem der Malediver ist die Knappheit von Lebensraum. Wir Architekten haben immer nach Lösungskonzepten gesucht, diesem Mangel entgegenzuwirken“, so der Architekt Koen Olthuis. „Als der Aufzug erfunden wurde, konnte die Stadtplanung vertikale Richtungen einschlagen. Das haben Architekten und Stadtplaner genutzt. Auch sie wurden anfänglich für verrückt erklärt.“

Für die Malediven ist zunächst ein schwimmender Golfplatz geplant, dessen Design-Phase in den End-Zügen steckt. 500 Mio. US-Dollar wird die Entwicklung kosten; drei Inseln sind über Unterwassertunnel mit einander verbunden. Andere Projekte stecken schon in der Bauphase. High-Tech-Elemente werden in den Niederlanden entwickelt und hergestellt und erst dann auf dem Wasserweg zu den Inseln gebracht – für die Forscher ist ihre Nähe zur Produktion besonders zu Beginn der Bauphase essentiell. Neben dem Golfplatz ist „Greenstar“ geplant, ein sternenförmiges Tagungshotel, in dem vorzugsweise Tagungen über Wassermanagement, Klimawandel und Nachhaltigkeit stattfinden.

„Bis zu Flächen von 200 x 200 Metern können wir bauen“, erklärt Koen Olthuis, „das ist ähnlich wie beim Lego-Spiel: Man muss lernen, Dimensionen immer neu abzuschätzen.“ Fachleute prognostizieren bis 2020 einen Zuwachs von 70.000 Einwohnern auf den Malediven. Neben Golfplätzen und Hotels können auch Nutzflächen für die Landwirtschaft, Büros oder Parkhäuser an bestehende Landerhebungen angekoppelt werden, Styropor ist jeweils der Trägerstoff.

„Dadurch, dass die Bauelemente schwimmen und ihr Herstellung nahezu überall möglich ist, können wir auch besonders günstig produzieren“, führt Koen Olthuis weiter aus. „Stellen Sie sich einmal vor, wir bauten ein Stadion für die Olympischen Spiele. Das könnte zu jedem Land gebracht werden, das diese ausrichtet, ohne dass immer wieder ein neues gebaut werden müsste, welches nach den Spielen leer steht.

Fathimath Raheel von der maledivischen Tourismusvertretung lebt auf den Malediven. Sie freut sich auf das Projekt: „Es ist ein unglaubliches Projekt, aber wir wissen, ohne das Projekt hat unser Land keine Chance, wir müssten sonst auswandern.“

Die verheißungsvollen Pläne der Architektur-Pioniere kompensieren auf den Malediven heute den Flächenrückgang, der anderen Nationen morgen drohen könnte, denn 90 Prozent der größten Städte dieser Welt liegen am Wasser. Die Firma Dutch Docklands gilt als der Experte für Wasser-Management.

„Einen Tsunami muss kein Bewohner eines treibenden Bauwerks fürchten: Auf hoher See ist lediglich eine kleine Welle zu merken, erst am Ufer kommt es zu der großen Flutwelle“, ergänzt der Architekt. Er zählt zu den weltweit einflussreichsten.

Mehr Informationen unter http://www.dutchdocklands.com

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