Malediven überleben die Klimaerwärmung nicht: Futuristisches Bauprojekt als Rettungsansatz

Foto: Paul H.T.M. van de Camp präsentiert „Greenstar“ – ein schwimmendes Tagungshotel, das Nachhaltigkeit verkörpert. Foto: Jana Rentmeister

Die Malediven feiern in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen als Urlaubsdestination – 1972 öffnete das erste Urlaubsressort. Auf natürlichem Wege würde die Inselgruppe längst keine weiteren 40 Jahre schaffen und den Klimawandel überleben: Drei Viertel der Inselgruppe ragt nur einen Meter aus dem Wasser, steigen wird der Meeresspiegel jedoch um 1,5 Meter. Holländische Vorreiter der Architektur geben Einwohnern Hoffnung: Sie bauen auf Wasser.

Visionäre werden vielfach für verrückt und wahnsinnig gehalten, selten für fantastisch. So kämpfen auch die niederländischen Architekten Koen Olthuis und Paul H.T.M. van de Camp (Dutch Docklands) hart für ihre Vision: Sie wollen auf 800 Hektar Wasser treibende Bauwerke positionieren. In Kooperation mit der maledivischen Regierung planen sie futuristische Bauprojekte, um die Malediven zu erhalten: deren „touristische Welt“ und „die der Einwohner“.

Der Klimawandel wird bis zum Jahr 2100 80 Prozent der Malediven unter Wasser gesetzt haben. Nahe der Südspitzen Indiens befindet sich dieses Taucherparadies: 220 der insgesamt 1.196 Inseln werden von Einheimischen bewohnt, 87 weitere werden für touristische Zwecke genutzt. Dort wohnen keine Malediver, sie kommen nur zum Arbeiten. Über eine Strecke von 871 Kilometern erstreckt sich die Inselkette. Die höchste Erhebung ist auf der Insel Vilingili – 2,4 Meter über Null. Drei Viertel der Fläche ist hingegen nur ein Meter höher als der Meeresspiegel, bei einer Steigung von 1,5 Metern wird demnach der Großteil geflutet.

„Das Problem der Malediver ist die Knappheit von Lebensraum. Wir Architekten haben immer nach Lösungskonzepten gesucht, diesem Mangel entgegenzuwirken“, so der Architekt Koen Olthuis. „Als der Aufzug erfunden wurde, konnte die Stadtplanung vertikale Richtungen einschlagen. Das haben Architekten und Stadtplaner genutzt. Auch sie wurden anfänglich für verrückt erklärt.“

Für die Malediven ist zunächst ein schwimmender Golfplatz geplant, dessen Design-Phase in den End-Zügen steckt. 500 Mio. US-Dollar wird die Entwicklung kosten; drei Inseln sind über Unterwassertunnel mit einander verbunden. Andere Projekte stecken schon in der Bauphase. High-Tech-Elemente werden in den Niederlanden entwickelt und hergestellt und erst dann auf dem Wasserweg zu den Inseln gebracht – für die Forscher ist ihre Nähe zur Produktion besonders zu Beginn der Bauphase essentiell. Neben dem Golfplatz ist „Greenstar“ geplant, ein sternenförmiges Tagungshotel, in dem vorzugsweise Tagungen über Wassermanagement, Klimawandel und Nachhaltigkeit stattfinden.

„Bis zu Flächen von 200 x 200 Metern können wir bauen“, erklärt Koen Olthuis, „das ist ähnlich wie beim Lego-Spiel: Man muss lernen, Dimensionen immer neu abzuschätzen.“ Fachleute prognostizieren bis 2020 einen Zuwachs von 70.000 Einwohnern auf den Malediven. Neben Golfplätzen und Hotels können auch Nutzflächen für die Landwirtschaft, Büros oder Parkhäuser an bestehende Landerhebungen angekoppelt werden, Styropor ist jeweils der Trägerstoff.

„Dadurch, dass die Bauelemente schwimmen und ihr Herstellung nahezu überall möglich ist, können wir auch besonders günstig produzieren“, führt Koen Olthuis weiter aus. „Stellen Sie sich einmal vor, wir bauten ein Stadion für die Olympischen Spiele. Das könnte zu jedem Land gebracht werden, das diese ausrichtet, ohne dass immer wieder ein neues gebaut werden müsste, welches nach den Spielen leer steht.

Fathimath Raheel von der maledivischen Tourismusvertretung lebt auf den Malediven. Sie freut sich auf das Projekt: „Es ist ein unglaubliches Projekt, aber wir wissen, ohne das Projekt hat unser Land keine Chance, wir müssten sonst auswandern.“

Die verheißungsvollen Pläne der Architektur-Pioniere kompensieren auf den Malediven heute den Flächenrückgang, der anderen Nationen morgen drohen könnte, denn 90 Prozent der größten Städte dieser Welt liegen am Wasser. Die Firma Dutch Docklands gilt als der Experte für Wasser-Management.

„Einen Tsunami muss kein Bewohner eines treibenden Bauwerks fürchten: Auf hoher See ist lediglich eine kleine Welle zu merken, erst am Ufer kommt es zu der großen Flutwelle“, ergänzt der Architekt. Er zählt zu den weltweit einflussreichsten.

Mehr Informationen unter http://www.dutchdocklands.com

Allgemein ITB 2012

Auf dünnem Eis: Wie man den Klimawandel vielleicht besser nicht inszenieren sollte

Quelle: Isabel Schoelen

Die Veranstaltung „Between Melting Glaciers and Social Responsibility – Course Correction in Tourism” klingt vielversprechend. Eingeladen sind unter anderem Vertreter der Tourism Watch/EED Germany, der Climate Change and Disaster Prevention und des Centre for Ecology and Development und last but not least: ein Jongleur. Der Künstler muss zwischen den einzelnen Rednern die Balance zwischen Tourismus und Umweltschutz „metaphorisieren“, wie die Moderatorin Mary Amiri es ausdrückt. Geschickt wirft er bunte Globen durch die Luft und hält dabei das Gleichgewicht. Danach jongliert er mit Ringen zu spanischen Rhythmen.

Irgendwie verloren geht dabei die Glaubwürdigkeit der Veranstaltung. Künstliche Pinien, die liebevoll mit Kunstschnee dekoriert sind, einer Brücke, die  über einen glitzernden Fluss führt, Eisbären und Pinguine, die das Geschehen völlig zurecht misstrauisch beobachten und der unvermeidliche Wegweiser zum Nordpol bilden die Kulisse des Schauspiels. Im Hintergrund hört man die Snowboarder vom Globetrotter Stand kreischen. „We are skating on very thin ice“ heißt es in der Anmoderation.

Zu kurz kommt: der Klimawandel. Das globale Thema unserer Zeit, das in Zukunft über Leben und Tod entscheiden wird. Wenigstens Sabine Minninger von der Climate Change und Disaster Prevention bringt es innerhalb ihrer 15-minütigen Sprechzeit auf den Punkt: „Der Tourismus ist selbstzerstörend“. Bis 2050 werde der Tourismus zu 25 Prozent Anteil an der globalen Emission haben. Dabei fliegen nur insgesamt zehn Prozent der Weltbevölkerung. Initiativen wie atmosfair drohen zu scheitern, da sie dem konstanten Wachstum der Tourismusbranche nicht hinterher kommen. Tatsächlich kompensiert bisher weniger als ein Prozent der Deutschen seinen CO2 Ausstoß mit einer Spende an die Umweltorganisation.

Am Ende der Veranstaltung wird die „Fairtrade Reisestandard-Urkunde“ verliehen. Dazu gibt es eine fair gehandelte Rose aus Kenia, wie Heinz Fuchs betont. Anstatt Rosen von regionalen Händlern zu überreichen, wird die Rose eingeflogen. Fairtrade bedeutet nicht automatisch auch klimafreundlich, geschweige denn nachhaltig. Ob solche Veranstaltungen zwischen schmelzenden Gletschern und sozialer Verantwortung für eine Kurskorrektur sorgen? Wohl eher nicht.

Der Tourismus nähert sich Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, setzt sich aber – noch – nicht konkret genug damit auseinander.

Allgemein ITB 2011

Change – oder die Zukunft in vier Thesen

Der Eröffnungstag des ITB Berlin Kongresses ist traditionell der Zukunft gewidmet. Vier Experten stellten beim ITB Global Future Summit die vier Megatrends der Tourismus-Zukunft vor: Demographischer Wandel, Klimawandel, technologische Revolution und verändertes Konsumentenverhalten.

Dem Wachsen im armen Süden steht ein Schrumpfen im reichen Norden gegenüber. So lautete die Quintessenz des Vortrags von Reiner Klingholz, Direktor des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Menschheit hat sich in den vergangenen hundert Jahren vervierfacht: An jedem Tag erblicken 230.000 neue Menschen das Licht der Welt. Doch das tun sie noch immer überwiegend in den ärmeren Ländern der Welt. Dagegen wird sich die Bevölkerung in Europa bis 2050 halbieren. Daran werden auch die Migranten nichts ändern.

Klingholz lieferte den Hintergrund, vor dem Claudia Kemferts Thesen einleuchten: Unsere Ressourcen reichen nicht aus, um allen Menschen auf der Erde ein verschwenderisches Leben zu ermöglichen. Die beiden größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit stellen muss, seien der Umgang mit den knapper werdenden Rohstoffen und der Klimawandel. Die Professorin für Energieökonomie hält eine Anpassung an den Klimawandel für unumgänglich. Auch im Tourismus. Sie erwartet, dass sich das Reiseverhalten zum Ökotourismus hin verändern wird. Nachhaltigkeitskriterien werden bei der Urlaubswahl eine immer größere Rolle spielen. Zum Beispiel wird der Handel mit CO2-Zertifikaten wichtiger werden.

In Patrick Schönemanns Vortrag bezog sich der Change einzig auf den technologischen Wandel. Der Geo Sales Manager präsentierte die schöne neue Google-Welt mit interaktivem Kartenmaterial von Google Maps. Frei zugängliche Informationen von überall für jedermann werden auch im Reiseverhalten immer wichtiger. Inhalte auf touristischen Homepages sind beinahe zu hundert Prozent geografische Informationen. Schönemann ist überzeugt: „Goople Maps hilft, die Welt um uns herum zu verstehen und Entscheidungen zu treffen.“
Dass immer mehr Menschen aus immer mehr Reiseangeboten auswählen, wurde in Paul Flatters’ Vortrag deutlich. Bei einer wachsenden Bevölkerung steigt teilweise auch der Wohlstand. Es entsteht eine breite, wohlhabende Mittelschicht. Mit wirtschaftlichem Wachstum gehe auch ein gesteigertes Intersse an Urlaub und Erholung einher. Trotz einer Pluralität von Reisestilen benennt Flatters vom Marktforschungsunternehmen Trajectory („Flugbahn“) zwei dominierende Trends im Tourismus: Reisende würden erstens auf Einfachheit setzen und zweitens freiwilligen Verzicht üben. „One click, keep it simple“ laute das Motto der Technikgeneration, die benutzerfreundliche Produkte verlangt. Diese Simplizität bezieht sich nicht nur auf den Umgang mit Technologie, sondern auch auf den Lebensstil. Immer mehr Menschen bevorzugen einen gesünderen und weniger verschwenderischen Lebensstil. „Even if they don’t have to they do. Because they feel it’s the right thing to do“, sagt Flatters. Allerdings fügt er hinzu, dass die Moralität abnehme, wenn der eigene Lebensstandard schlecht ist.

Eine Veränderung hin zu einer neuen sozialen Verträglichkeit und ökonomischen Nachhaltigkeit wird auf der diesjährigen ITB Berlin eines der Hauptthemen sein. Das Reiseverhalten wird sich durch den demographischen und den klimatischen Wandel dauerhaft verändern. Alle Vorträge, in denen Corporate Social Responsiblitiy (CSR) eine Rolle spielt, sind in den Programmen mit einem grünen Bäumchen gekennzeichnet.

Allgemein ITB 2010