Ägypten – Hat sich der Tourismus nach dem arabischen Frühling erholt?

Mohamed Gamal, der Generaldirektor der Tourismusabteilung Ägyptens, informiert über die touristische Situation in Ägypten. Foto: Sara Bagladi

Schon zwei Jahre liegt der Sturz von Hosni Mubarak, ehemaliger Staatspräsident Ägyptens, zurück, doch die Lage hat sich noch nicht beruhigt in Ägypten. Gerade heute ist es in Kairo und Port Said, nachdem das Urteil über die tödlichen Fussballkrawalle bekannt gegeben wurde, wieder zu Aufständen gekommen. Welche Wirkung diese Tumulte auf den Tourismus haben, gibt der Generaldirektor der Tourismusabteilung Ägyptens, Mohamed Gamal, bekannt.

young press: Sie waren letztes Jahr Partnerland der ITB – brachte dies einen Aufschwung im Tourismus?

Wir haben gute Ergebnisse nach der ITB 2012 erzielt. Zum ersten Mal steht Deutschland auf Platz 2 der wichtigsten Gewinnmärkte für Ägypten. Im Vergleich zu den Jahren davor war Deutschland auf Platz 3. Im Jahr 2012 kamen 1,2 Millionen deutsche Urlauber zu uns und haben 15,5 Millionen touristische Übernachtungen gebucht.

young press: Im Sommer 2012 sind die Zahlen also wieder gestiegen. Sind nach den kürzlichen Unruhen die Touristenzahlen wieder zurückgegangen?

Ehrlich gesagt gibt es negative Auswirkungen. Aber nicht was den Badeurlaub betrifft, sondern die Nilkreuzfahrten. Hier sinken die Besucherzahlen. Damit sind auch die kulturellen Städte wie Luxor und Assuan verbunden, die am östlichen Ufer des Nils liegen. Aber das ist ganz normal – überall gibt es Positives und Negatives. Die Revolution ist ein zweijähriges Baby und für den Wandel zum demokratischen Leben benötigt man eine Generation und nicht zwei Jahre.

young press: Wie werden Touristen nach Ägypten gelockt, dass sie trotz der Risiken die Reise auf sich nehmen?

Wir machen hier an der Messe Liveübertragungen von den Stränden in Ägypten auf grossen Bildschirmen. So können die Menschen Ägypten kennen lernen. Diese Aktion möchten wir gerne erweitern und in grossen deutschen Städten Bildschirme an öffentlichen Plätzen installieren.

young press: Auch die Preise sind gesunken. Ist dies eine weitere Massnahme den Reisenden entgegen zu kommen?

Für den Massentourismus an den Stränden sind die Preise gesunken. Der Besucher bekommt mehr, als er bezahlt. Aber in Bezug auf den Kultururlaub und andere touristische Möglichkeiten sind die Preise erhalten geblieben.

young press: Werden diese Angebote gebucht?

Wenn die Medien nicht berichten, steigen die Buchungen. Es hängt also alles von den Medien ab. Doch diese schildern nur von isolierten Inseln und nicht von ganz Ägypten. Sie legen den Fokus nur auf Kairo und zwei, drei weitere grosse Städte. Aber die anderen Urlaubsziele sind stabil und ruhig. Wie die Lage dort aussieht, ist an den Livescreens zu erkennen.

young press: Gibt es  besondere Sicherheitsmodelle? Auf was sollte man achten, wenn man das Hotelareal verlässt?

Fünf Millionen Menschen arbeiten im Tourismusbereich. Der Tourismus ist ihre Existenz und sie bemühen sich die Sicherheit zu wahren. In Kairo hingegen leben die Leute nicht vom Tourismus. Sie demonstrieren und fordern bessere Arbeitschancen und Demokratie.

young press: Das Auswärtige Amt rät insbesondere dringend ab, in den Sinai (mit Ausnahme der Touristenorte am Roten Meer im Küstenstreifen zwischen Sharm-El-Sheikh und Nuweiba) sowie ins ägyptisch-libysche Grenzgebiet zu reisen. Teilen Sie diese Meinung?

Allein sollte man in diese Regionen nicht gehen, doch in grösseren Gruppen ist das möglich.

young press: Muss man mit der neuen Regierung mit Einschränkungen im Tourismus rechnen? Gibt es beispielsweise Kleidungsvorschriften?

Auf den Livescreens sieht man Badeurlauber im Bikini. Die Regierung hat bekannt gegeben, dass sie nichts gegen Badeurlauber haben. Wenn ich schwimmen gehen möchte, gehe ich ja auch nicht im Anzug. Wir respektieren andere Traditionen und Kulturen.

young press: In der Türkei gibt es auch schöne Strände. Weshalb sollten Touristen genau ans rote Meer in Ägypten kommen?

Ägypten ist eine unersetzliche Destination im Winter. Auch die Unterwasserwelt ist  einzigartig. Natürlich haben andere Länder auch andere Möglichkeiten – aber Ägypten ist unvergleichlich.

Ägypten Fernreisen Interview ITB 2013 Topstories

Tourismus als Lebenselexier?

Foto: Tanouri-Tänzer auf der ITB Berlin. Quelle: Miriam Gutekunst

Es wird still im Publikum. Mit fünfzehnminütiger Verspätung treffen die angekündigten Tanoura-Tänzer ein. Mit ernster Miene schreiten die drei jungen Männer auf die Bühne und positionieren sich in einer Reihe. Mit dem ersten Trommelwirbel der Musik beginnen sie sich zu drehen. Schneller und schneller. In Windeseile falten sich ihre langen, bunten Röcke auf und steigen höher und höher. Tanoura ist  die Kunstform des traditionellen Tanzes der Derwische, der Vertreter des mystischen Islams. Das Drehen soll zu Ekstase und dadurch in himmlische Sphären führen.

Aber an diesem Mittwochmorgen handelt es sich nicht um eine religiöse Zeremonie, sondern um eine Aufführung für die Besucher der ITB Berlin. Die drei Tänzer vertreten das Partnerland Ägypten und werben um Touristen. Ein Jahr ist es her, dass der arabische Frühling nach Ägypten schwappte und sich am Tahrir-Platz in Kairo hunderttausende Menschen zusammenfanden,  um gegen die Regierung Mubarak zu demonstrieren. Der Präsident wurde gestürzt. Die erfolgreiche, friedliche Revolution der Ägypter löste weltweit Respekt und Bewunderung aus. Nun ist es unklar, wie sich das Land weiterentwickeln wird. Doch eines steht für Tourismusminister Mounir Fakhry Abdel Nour fest: „Die Regierung muss 800.000 jungen Menschen Arbeit geben, sie kann nicht auf Urlauber verzichten.“ Vor der Revolution reisten noch 14,7 Millionen Touristen in das Land der Pyramiden, davon 1,3 Millionen aus Deutschland. Seit den politischen Umbrüchen sind diese Zahlen stark eingebrochen. Die diesjährige ITB soll dazu beitragen, den Tourismus wieder anzukurbeln.      

Die drei Ägypter wirbeln über die Bühne.  Sie sind umgeben von ihren kreisförmigen Röcken, deren grelle Farben verschwimmen, so schnell drehen sie sich. „Elixier der Glückseligkeit“, so wird der Tanz der Derwische genannt. Als „Lebenselixier“ bezeichnet auch Dr. Christian Gölke, Geschäftsführer der Messe Berlin, die Bedeutung des Tourismus für Ägypten. Die Branche ist ein wichtiges Standbein für das Land und erwirtschaftete vor der Revolution zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Folgt nach der politischen Revolution im Land der Pauschalreisen eine Revolution im Tourismus? Ein Blick in das Kongressprogramm der ITB Berlin zeigt, dass darüber kontrovers diskutiert wird. In Podiumsdiskussionen und Workshops geht es um die Bedeutung und Auswirkungen der Tourismuswirtschaft  in einem Land, das sich im politischen Aufbruch befindet: Minister, Wissenschaftler und Reiseveranstalter debattieren zum Beispiel über die Frage, ob es sich bei der „Arabellion“ um einen arabischen Frühling oder um eine touristische Eiszeit handelt. Auch der CDU-Politiker Klaus Brähmig, Vorsitzender des Bundestags-Tourismusausschusses, äußerte sich kurz vor der Eröffnung der Tourismusmesse gegenüber dem Hamburger Abendblatt kritisch und sprach sich gegen Urlaubsreisen nach Ägypten in der momentanen Situation aus, unter anderem wegen der Unterdrückung der koptischen Christen und den Prozessen gegen Mitarbeiter von Organisationen wie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Einer der Tänzer wirft plötzlich seinen Rock in die Luft, blickt flehend gen Himmel und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.  Die Show ist aus und die Künstler verlassen unter verhaltenem Applaus die Bühne. Ob es tatsächlich Folkloreaufführungen sind, die Touristen wieder nach Ägypten locken, oder es etwas Anderes, etwas Neues braucht, um die Menschen zu überzeugen, wird sich in der kommenden Urlaubssaison zeigen.

[nggallery id=18]

Allgemein ITB 2012 Topstories

Inspiration für Ägyptens Zukunft

Bild: Ägypten mit Kampagne 2.0. Quelle: Jennifer Schwanenberg

Ägypten hat es geschafft, die Revolution vom 25. Januar 2011 auf die ITB Berlin 2011 zu holen. Der ursprünglich vom ehemaligen Präsidenten Husni Mubarak angestoßenen Kampagne, wurde der Stempel der Revolution aufgedrückt. Das ursprüngliche Motto „Wo alles begann“ wurde zu „Wo alles beginnt“, und es wurden weitere Slogans  entwickelt, die direkten Bezug auf die Revolution nehmen. „Frieden, Aufbruch & Energie schreiben Geschichte“, „25. Januar 2011: Eine neue Ära der Gastfreundschaft“, „Die Online-Revolution – made in Egypt“. Neue  Botschaften auf alten Plakaten.

Die Revolution wird zum Verkaufsargument. Ägyptens neuer Tourismusminister Mounir Fakhry Abdel Nour lud auf der Pressekonferenz sogar dazu ein, jetzt in Kairo den Tahrir-Platz zu besuchen: „Es ist eine Erfahrung wert.“ „Tahrir – ein Platz rockt die Welt“, heißt der passende Slogan dazu.

Eine Meinung, die nicht alle Ägypter teilen.

Die Idee zu den neuen Slogans hatte Amr El-Ezaby, der Chef der ägyptischen Tourismusbehörde. Umgesetzt hat das Ganze eine deutsche PR-Agentur – in nur einer Stunde, wie die Chefin erklärt. El-Ezaby ist der Meinung: „Wir konnten die Revolution doch nicht einfach ignorieren.“

Das Feedback auf diese neuen Botschaften ist groß. Die Medien interessieren sich dafür ebenso wie die Besucher. Und zu  was Ägypten sie und Reiseveranstalter genau inspiriert wird man auf der ITB Berlin 2012 erfahren – wenn Ägypten Partnerland ist.

ITB 2011

„Wenn wir gerechtere Verhältnisse herstellen wollen, sind die Menschenrechte der Rahmen“

Foto: Heinz Fuchs, Leiter von Tourism Watch. Quelle: Jennifer Schwanenberg.

Tourism Watch hat vor der ITB Berlin 2011 die Studie „Alles was Recht ist“ zur Beachtung der Menschenrechte im Tourismus veröffentlicht. Neben vielen Zahlen und Beobachtungen werden Forderungen an politische Gremien und Regierungen, an Reiseveranstalter und Verbände gestellt. Gespräch mit Heinz Fuchs, dem Leiter von Tourism Watch, dem Informationsdienst des Evangelischen Entwicklungsdienstes.

Jennifer Schwanenberg: Sie sagten in einem Interview, Ägypten müsste innerhalb der Demokratisierung den Tourismus neu gestalten. Ist das nicht zu idealistisch?

Heinz Fuchs: Wir können dem Land nur raten, auch auf den Tourismus zu schauen und ihn nicht so weiter zu führen wie er bisher war. Der Tourismus war sehr mit dem Militär und den Herrscherfamilien verstrickt.

Jennifer Schwanenberg: Wie soll eine Neugestaltung aussehen?

Heinz Fuchs: Man muss sich entscheiden: Setzt man weiterhin auf die großen Investoren mit ihren Anlagen oder verstärkt auf eine diversifizierte Struktur mit kleineren und mittleren Betrieben. Ein gutes Beispiel ist Südafrika: Dort wurde eine Politik des Black-Enpowerments initiiert. Bisher besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen wurden im neuen Südafrika stärker am Tourismus beteiligt. Eine ähnliche Strategie könnte es auch in Ägypten geben. Ich denke, wenn Menschen selbst Verantwortung übernehmen und Business betreiben, trägt dies auch zu einer demokratischen Gesellschaft bei.

Jennifer Schwanenberg: Nach dem arabischen Frühling soll jetzt ein touristischer Frühling kommen?

Heinz Fuchs: Das wird sich zeigen. Auch Deutschland und die EU werden sich vermutlich mit Geldern an der Neuorganisation der ägyptischen Gesellschaft beteiligen – da sollte der Tourismus und von wem er in Zukunft getragen werden soll Thema sein. Am Rande der Messe habe ich schon deutlich wahrgenommen, dass sich auch Reiseveranstalter Gedanken machen, wie es weiter gehen kann. Sie schauen, wer die Geschäftspartner sind und waren und ob sie mit denen in den alten Strukturen wirklich weiter arbeiten wollen.

Jennifer Schwanenberg: Wie realistisch ist es in Ihren Augen, dass deutsche Reiseveranstalter mit ihren ägyptischen Geschäftspartnern brechen und sich neue suchen?

Heinz Fuchs: Das mag ein extremer Schritt sein. Das Thema familiengeführte Hotels gibt es derzeit in Ägypten noch kaum. Da könnte ein Anstoß kommen. Auch die Bundesregierung könnte mit den Mitteln, die sie zum gesellschaftliche Neuaufbau Ägypten zur Verfügung stellt, den Aufbau von privaten touristischen Unternehmen wie familiengeführte Hotels unterstützen. Beratung über Struktur, ökonomisch-sozialen Stellenwert und für mehr Partizipation im Tourismus könnte Teil der Entwicklungszusammenarbeit sein.

Jennifer Schwanenberg: Welchen Einfluss hat Korruption auf Menschenrechte im Tourismus?

Heinz Fuchs: Wir haben uns Korruption nicht genauer beschäftigt, gibt es sie auch im Tourismus. Ich bezweifle aber, dass jemand hier belastbare Zahlen und Fakten nennen kann. Natürlich dürfen die Staaten keine Korruption zulassen.

Jennifer Schwanenberg: Aber was tut man, wenn er es doch zulässt?

Heinz Fuchs: Da hilft es wenig, sich hinzustellen und „Pfui“ drauf schreiben oder irgendein Flugblatt verteilen. Beraten, erinnern und Antikorruptionsstrategien entwickeln im Sinne von „good governance“ ist ein Aspekt, der in den Regierungsgesprächen mit Ägypten eine Rolle spielen sollte. Dazu gehören Fragen: Wie schafft man es Korruption zu minimieren? Welche Regeln gelten für touristische Investitionen? Das Feld ist riesengroß und wird sehr komplex, wenn man es auf die Details herunter bricht.

Jennifer Schwanenberg: Was früher in der Tourismuskritik kritisch benannt wurde, glauben Sie jetzt über den Menschenrechtsbegriff sanktionsfähig zu machen. Doch wer setzt den rechtlichen Rahmen für Menschenrechtsverletzungen?

Heinz Fuchs: Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Anan vertrat deutlich die Auffassung, dass die Souveränität einzelner Staaten bei den Menschenrechten endet. Er hat die Menschenrechte ganz hoch gehängt. Wenn wir gerechtere Verhältnisse auf der Welt herstellen wollen, sind die Menschenrechte der Rahmen dafür. Die allermeisten Staaten haben diesen Rahmen anerkannt und die Menschenrechtskonventionen unterschieben. Innerhalb dieses Rahmens müssen wir agieren. Auf dieser Ebene gibt es viel Bewegung, um die Menschenrechte auch auf die Verantwortlichkeit von Unternehmen zu übertragen. Wenn man beispielsweise auf die Web-Seite des Bundesverbandes der Deutschen Industrie geht, gibt es dort Informationen, dass deutsche Unternehmen im Ausland die Pflicht haben, die Menschenrechte zu respektieren und ihre Umsetzung zu fördern. Als Thema ist es dort angekommen – bei einem Verband, der nicht gerade als der progressivste gilt. Hinsichtlich Tourismus hat in Deutschland meines Wissens noch kein Verband eine eindeutige menschenrechtliche Verantwortung angemahnt.

Jennifer Schwanenberg: Unternehmen sollen also in die Pflicht genommen werden, sich für menschenrechtliche Belange zu engagieren. Aber warum sollten sie das tun?

Heinz Fuchs: Dass wir uns damit beschäftigt haben, hat vor allem den Hintergrund, dass wir in den letzten fünf Jahren die Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung im Tourismus, im Sinne von Corporate Social Responsibility, mit initiiert und geführt haben. Wir haben ein bisschen darauf vertraut, dass sich unternehmerische Verantwortung im Kerngeschäft freiwillig reguliert und haben die Politik weitgehend außen vor gelassen. Wir haben aber gemerkt: es gibt Dinge, die haben nichts mit Freiwilligkeit zu tun: Menschenwürdige Arbeit, die Kernarbeitsnormen oder Schutz von Kindern – das sind Verpflichtungen und keine freiwilligen Leistungen. Die Staaten müssen dafür sorgen, dass diese Pflichten eingehalten werden und bei Nicht-Einhalten auch sanktioniert werden können.

Jennifer Schwanenberg: Und welche Sanktionsmöglichkeiten gibt es?

Heinz Fuchs: Es gibt staatliche Instrumente der Außenwirtschaftsförderung wie beispielsweise die Hermes-Bürgschaften: Wenn jemand gegen Menschenrechte verstößt könnte er beispielsweise für einige Jahre von den Hermes-Bürgschaften ausgeschlossen werden, also von den staatliche Förderinstrumenten. Oder jemand könnte Außenwirtschaftsförderung nur in Anspruch nehmen, wenn er eine menschenrechtliche Risikoprüfung durchgeführt hat. Wenn jemand bei der Deutschen Bank einen Kredit für Auslandsinvestitionen bekommen will, ginge das nur, wenn das Investitionsvorhaben eine Menschenrechtsprüfung durchlaufen hat. Die Möglichkeiten liegen auf der Hand, sie sind nur noch nicht im Einsatz.

Jennifer Schwanenberg: Sollte man diese auf internationaler Ebene diskutieren?

Heinz Fuchs: Es ist gut und wichtig, dass es den internationalen Menschenrechtsrahmen gibt, um sich überhaupt in diese Richtung zu bewegen. Aus nationalstaatlicher Sicht ist es immer schwierig. Wie beispielsweise bei der Ticketbesteuerung – immer kommt die Antwort: National können wir da gar nichts machen. Wir müssen zumindest europäisch oder gleich global agieren. Mit dem Argument kann man natürlich Vorreiterrollen und Pionierarbeit ausbremsen.

Jennifer Schwanenberg: Wie setzten wir das in verantwortliches Wirtschaften um? Soll Deutschland das alleine durchziehen?

Heinz Fuchs: Es wäre eine große Chance, wenn Deutschland hier eine aktive Vorreiterrolle für mehr menschenrechtliche Verantwortung in der internationalen Wirtschaft übernehmen würde. Wenn dann die Regierung zusätzlich ihre Rolle im Weltsicherheitsrat für eine konsequente Menschenrechtspolitik nutzen würde, wäre dies ein wichtiger Beitrag und Deutschland würde bei diesen Prozessen nicht immer hinterher rennen.

Jennifer Schwanenberg: Im globalen Markt kann das ägyptische Unternehmen aber auch auf andere Partner setzten. Wenn es die Sanktion nur in Deutschland gibt, ist es sehr eingeschränkt.

Heinz Fuchs: Jetzt verfallen Sie in diesen Sog: „Wir können ja gar nicht, weil es die anderen auch nicht machen.“ Die Diskussion gibt es jetzt gerade auch bei der Überarbeitung der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen: Macht man die Regeln besonders streng, oder so, dass man auch Länder wie China mit an Bord bekommt. Ich bin dafür, dass man es so macht, dass man auch China mit an Bord hat. Gemeinsame Regeln verhindern Wettbewerbsverzerrungen und fördern den Dialog zur Rolle von Unternehmen in der Gestaltung einer menschlichen Globalisierung.

Jennifer Schwanenberg: Was ist ihre konkrete Forderung an die Reiseveranstalter in Bezug auf Ägypten und Tunesien?

Sie sollen sich einen Moment Zeit nehmen, um zu sehen, mit wem sie bislang gearbeitet haben und mit wem sie zukünftig arbeiten wollen. Sie sollten die Länder nicht als Schnäppchen präsentieren. Ägypten und Tunesien werden Schwierigkeiten haben aus dieser Billig-Politik überhaupt wieder raus zu kommen. Zusätzlich übt es enormen Preisdruck auf vergleichbare Urlaubsziele wie Türkei oder die Dominikanische Republik aus. Die Preise, die gezahlt werden, sind Abzocke auf Rücken derjenigen, die die Revolution organisiert haben. Sie sind kein ernst zu nehmender Beitrag, dass zukünftig faire Löhne bezahlt werden können. Die gängigen 198 Euro pro Woche mit Flug nach Ägypten sind im Grunde schon eine Menschenrechtsverletzung.

Allgemein Interview ITB 2011

Ägypten: Optimismus nach der Revolution

Foto: Werbung für Ägypten. Quelle: Jennifer Schwanenberg

In der „Ägypten-Halle“ auf der ITB Berlin 2011 herrscht Aufbruchsstimmung. Dabei sieht es sechs Wochen nach dem Sturz des Regimes hier fast noch ein wenig nach Diktatur aus: Ein großer Gemeinschaftsstand in der Mitte, und jeder Aussteller, der da nicht mitmachen wollte, wurde an die Wand gedrängt. Die Stimmung aber ist ganz anders: „Tahir – Ein Platz rockt die Welt“ verkünden Plakate. Auf einem großen Videoscreen läuft ein Song über der Revolution auf der Straße.

Sechs Wochen nach der Revolution präsentiert sich das Land, als sei niemals ein Tourist ausgeflogen worden. „Unsere Vermarktungsstrategie ist heute anders – politischer. Wir laden die Leute ein, das freie Ägypten zu sehen“, sagt Hala El Khatib vom Ägyptischen Hotelverband, „wir möchten offener sein, denn je.“

Die Auslastung der Kairoer Hotels sei bis zum 28. Februar 2011 auf 18 Prozent gestiegen, zwei Wochen zuvor lag der Tiefpunkt bei nur 10 Prozent. Die blonde Frau im rosa Blazer sieht das als ermutigendes Zeichen: „Die europäischen Staaten haben ihre Reisewarnung für die Touristenzentren aufgehoben.“

Tourismus ist wichtig für die Ägypter: Allein zwölf Prozent der Erwerbstätigen arbeiten im Tourismus, anderen Schätzungen zufolge sogar bis zu 20 Prozent, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt 11,5 Prozent. Dass die Touristen wieder nach Ägypten kommen, ist darum wichtig sowohl für die wirtschaftliche als auch die politische Entwicklung. „Die Tourismuswirtschaft und unsere inneren Angelegenheiten müssen parallel verlaufen“, sagt Hala El Khatib.

Am Optimismus jedenfalls fehlt es nicht: im nächsten Jahr ist Ägypten offizielles Partnerland der ITB Berlin.

ITB 2011