Reisen mit Risiko – von der Lust nach Lebensgefahr

Quelle: Marcel Weyrich

Warum es Personen gerade jetzt in Länder wie Libyen treibt und wie das von Destinationen und Reiseveranstaltern ausgenutzt wird, erklärt Touristik-Professor Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen. Er erstellte nach jüngsten Entführungen im Frühjahr in Äthiopien eine Typologie abenteuerlustiger Reisender und gibt Tipps, wie man auch risikoarm Abenteuer erleben kann.

Krieg, Verwüstung oder Elend: Wenn ein Land mit einem dieser Begriffe in Verbindung gebracht wird, so steigt es bei bestimmten Reiseabenteurern schnell im Kurs. Das gilt aktuell für Libyen. Trotz des Bürgerkrieges, der vor kurzem zu Ende gegangen ist, präsentierte sich Libyen Tourismus auf der ITB Berlin 2012. Khaled Ghellali, Direktor der staatlichen Tourismus-Behörde, bestätigt: „Klar, wenn man Abenteurer ist, will man natürlich gerade zu uns, Anfragen gibt es momentan sehr viele“.  Touristen-Visa werden aber nicht ausgestellt. „Wir wollen zuerst eine Basis schaffen, in der Sicherheit herrscht“, so Ghellali, um ohne Bedenken Touristen einlassen zu können. Das gehe aber nicht vor den Neuwahlen im Juni, zu riskant sei die Lage momentan. 

Dass eine Vorsicht wie die Libyens oft nicht an den Tag gelegt wird, prangert Professor Hartman an. Dabei meint er nicht nur Destinationen, sondern auch Reiseführer und Medien. „Viele Destinationen informieren nicht oder nur im Kleingedruckten über eventuelle kleine oder große Gefahren“, so Tourismus-Experte Hartmann. Jemen zum Beispiel präsentiere sich im Internet zu positiv, und weise nicht sehr transparent auf die Entführungsgefahr hin. „Dort entführt zu werden, ist momentan aber schon recht wahrscheinlich“, schätzt er. Wenn von einer Stadt eine Warnung bekannt sei, hält das Abenteurer noch lange nicht von einem Jemenbesuch ab. Sie führen trotzdem in den Jemen und umgingen diese Stadt einfach.

Problematisch findet er auch den aktuellen lonely planet-Reiseführer über Eritrea. Dort werde sogar erwähnt, wie wirtschaftlich zerstört das Land und unsicher die Gegend sei. Sobald aber von der unvergleichlichen Schönheit der Landschaft geschrieben werde, entstehe der Eindruck „es ist alles gefährlich und unsicher aber, boah, Leute, fahrt dorthin“. Psychologisch begründet Hartmann, dass Gefahren wie Krankheiten als viel größer eingeschätzt werden als Kriege oder Unruhen. Er bezieht sich dabei auf aktuelle Studien der Mondial Versicherungs-AG.

Seine Typologie (geschlechtsübergreifend):

Der Special-Interest-Reisende
Er ist Interessiert an Naturphänomenen, aber ein sehr reflektierter Reisender. Er geht keine großen Risiken ein. Er will etwas Besonderes erleben, aber bitte alles geführt und gesichert.

Der unkonventionelle Entdecker
Er empfindet das Risiko beim Reisen als Teil eines bestimmten Lebensstils. Motive sind in etwa nicht nur, etwas Besonderes erlebt zu haben: Auch Freunden und Kollegen erzählen zu können, wo er war und was er gemacht hat, spielt bei ihm eine Rolle.

Der bewusst risikobereite Abenteurer
Er sucht die besondere Herausforderung, den Thrill, aber als kontrollierte Grenzerfahrung. Der Marktanteil dieser Gruppe ist sehr gering, dafür ist dieser Typus am ehesten in Ländern wie Lybien in seiner aktuellen Lage vorzufinden.

Wer sicher nach Hause kommen will, kann aber einige Tipps beachten, um einen sicheren Urlaub zu verbringen. „Als allererstes sollte man die Hinweise des Auswärtigen Amtes beachten“, rät Hartmann. Die Infos seien immer sehr aktuell und ausgewogen und ein guter Hinweis, ob man überhaupt in ein Land reisen kann. „Gerade bei den Destinationen, die große Veranstalter vorsichtshalber aus dem Programm genommen haben, tut sich eine Nische auf, die gerne von unseriösen Anbietern genutzt wird“, erklärt der Experte. Abenteuerurlaub finde meistens sowieso individuell statt, aber wenn Reiseveranstalter wie Studiosus, die für kulturnahe Begegnungen bekannt sind, schon bestimmte Orte nicht mehr anführen, so solle es sich der Individualtourist auch besser noch einmal überlegen.

Khellali von der Tourismus-Behörde träumt davon, dass Touristen eines Tages in Libyen so herumspazieren können, wie es in Europa möglich ist. Auch wenn es ein langer Weg bis dahin scheint: Er glaubt, dass eine neue Regierung darauf setzen wird, alleine wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Bald wird sich zeigen, ob Libyen für den Massen-Tourismus interessant , oder das Land für den bewusst risikobereiten Abenteurer bleibt.

Allgemein ITB 2012

Weltenbummler, Teppichhändler, Entertainer – Doug Lansky kann den Beruf Reisejournalist nicht empfehlen

„Die größten Fehler im Tourismusmarketing … und was wir von ihnen lernen können” – über dieses Thema sprach Doug Lansky auf der ITB Berlin 2012. Bekannt wurde der 40-Jährige als Reisejournalist. Er war in den letzten 20 Jahren in über 120 Ländern unterwegs und schrieb für Zeitungen und Magazine wie die Huffington Post und National Geographic. Auch bei Reiseführern wie Lonely Planet und Rough Guides war er als Autor beteiligt. Mittlerweile ist Doug Lansky vor allem als Redner erfolgreich und sorgt mit seinen unterhaltsamen Präsentationen für ausverkaufte Säle. Auch an Universitäten ist er als Dozent tätig und lehrt dort seine Art des Reisens. Wie er zum Reisejournalismus kam, warum dieser Beruf keine Zukunft hat und wie er eine Alternative für sich gefunden hat, erzählte er im Interview mit Young Press.

Miriam Gutekunst: Was warst du zuerst – Journalist oder Reisender?

Doug Lansky: Das ist eine gute Frage. Eigentlich war ich zuerst Reisender. Aber ich schrieb schon während der Highschool. Ich arbeitete damals bei einer Zeitung. Dann reiste ich das erste Mal und übernahm den Schreibstil, den ich während dieser Zeit gelernt hatte.  

Miriam Gutekunst: Was war deine erste Reise?

Doug Lansky: Das kommt darauf an, was man als Reise versteht. Ich denke das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte gereist zu sein, war, als ich 20, 21 war. Ich studierte damals für sechs Monate in London und den Sommer nutzte ich, um mit dem Zug durch Europa zu fahren. Reisen ist wie Ski fahren: Du beginnst am Anfängerhügel und wagst nach und nach immer schwierigere Pisten. Nach zwei Monaten in Europa war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung und landete in Marokko. Ich habe damals in Marrakesch Teppiche verkauft. Da springt wirklich viel Geld heraus.

Miriam Gutekunst: Wie bist du denn dazu gekommen, Teppiche zu verkaufen?

Doug Lansky: Eigentlich habe ich sie nicht wirklich verkauft. Ich hatte im Zug zwei Marokkaner kennengelernt, die ein Teppichgeschäft hatten. Ich bot ihnen an, an die touristischen Plätze zu gehen und dort Kunden zu werben. Ich bin also auf Touristen zugegangen und habe ihnen gesagt: Wenn Sie noch nie in einem Teppichgeschäft waren, müssen sie das unbedingt noch nachholen. Ob heute oder morgen, lassen Sie mich das einfach wissen. Ich bin hier. Ich habe sie dann zu dem Laden geführt und wenn sie fertig waren mit Verhandlungen und Tee trinken, haben sie mir Bescheid gegeben und ich habe sie zurückgeführt. Das war mein Job. Und ich bekam für jeden Touristen Provision.

Miriam Gutekunst: Also hast du in Marokko ziemlich schnell die Seiten gewechselt!

Doug Lansky: Also ich war bei jedem Geschäft ehrlich mit den Leuten. Ich habe gesagt, dass ich etwas verkaufe und damit Geld verdiene. Ich habe nichts versteckt. Aber du hast Recht, ich wurde vom Touristen zum Teppichverkäufer. Und ich habe ziemlich gutes Geld gemacht.

Miriam Gutekunst: Als Nachwuchsjournalistin würde mich interessieren, ist es möglich vom Reisejournalismus zu leben?

Doug Lansky: Es kommt darauf an, was du willst. Es gibt nicht viele Reisejournalisten, die einen besonders hohen Lebensstandard haben. Ich hatte lange Zeit wirklich wenig Geld. Aber heutzutage ist es eigentlich einfacher als je zuvor Reisejournalist zu sein. In Zeiten von Twitter und Blogs kannst du auf eigene Faust über deine Reisen schreiben. Du kannst das machen ohne auf Verlage angewiesen zu sein. Just do it. Veröffentlichungen haben heutzutage keinen Anreiz mehr. In den USA zahlen sie so wenig für einen Beitrag, denn jedermann bloggt und macht es umsonst. Es gibt also keinen Anreiz mehr zu veröffentlichen. Wenn hunderttausend Menschen deine Twittereinträge verfolgen, dann kommen Verlage von selbst auf dich zu und fragen an, ob du für sie schreiben würdest. Sie setzen darauf, dass du den Artikel über Twitter publik machst und deine Follower das lesen. Die Anzahl der Twitter Follower ist die Währung.

Miriam Gutekunst: Machst du deine Arbeit als Redner und Dozent also einfach aus finanziellen Gründen oder auch aus Leidenschaft?

Doug Lansky: Beides. Es zahlt sich schon aus. Das Problem ist, dass meine Begeisterung für Reisejournalismus nachgelassen hat, weil immer und immer wieder die gleichen langweiligen Geschichten gewünscht sind. Das habe ich lange Zeit gemacht. Die Vorträge über das Reisen machen dagegen einfach Spaß. Es macht Spaß auf der Bühne zu stehen. Aber auch wenn ich als Dozent Studenten unterrichte. Wenn ich danach in ihren Augen sehe:  Wow, ich kann jetzt auf Reisen gehen. Ich kann es und zwar auf eine andere Art und Weise und ich werde Einheimische treffen. Ich habe das Gefühl, dass ich bei diesen Studenten etwas bewegen kann. Auch wenn es nur ein paar wenige Menschen sind, es fühlt sich wichtig an. Der Reisejournalismus fühlt sich viel weniger wichtig an.

Miriam Gutekunst: Welche Eigenschaften sollte jemand haben, der Reisejournalist werden möchte?

Doug Lansky: Er sollte unabhängig und wohlhabend sein. Du musst nette Eltern oder genug Geld haben, um davon leben zu können.

Miriam Gutekunst: Hattest du diese Eigenschaften?

Doug Lansky: Ja, ich hatte Geld. Meine Großmutter ist gestorben als ich die Universität abschloss und sie hat mir Geld hinterlassen. Meine Mutter meinte, ich soll mir ein Auto, eine Wohnung und schöne Kleidung kaufen und mir dann einen Job suchen. Ich sagte: Auf keinen Fall! Also ging ich auf Reisen, weil ich die finanziellen Mittel dazu hatte. Aber ich hatte auch während der Reisen Jobs und arbeitete die ganze Zeit. Deswegen hatte ich bei meiner Rückkehr immer noch Geld und konnte es mir leisten weiter als Reisejournalist zu arbeiten. Du musst eben von etwas leben. Ich hatte versucht vor allem in Länder zu reisen, in denen die Lebenshaltungskosten niedrig sind. Aber du musst ja auch immer wieder zurück nach Hause, irgendwohin, wo es eine gute Internetverbindung gibt. Um Leute zu finden, die dich unterstützen und dir bei der technischen Umsetzung helfen. Man muss Zeit und Geld investieren.  Außerdem sind Leidenschaft  und einfach Talent wichtige Voraussetzungen. Du musst richtig gut darin sein. Man muss sich durch etwas Einzigartiges auszeichnen, durch eine besondere, persönliche Sichtweise. Es gibt keinen richtigen Weg. Du musst deinen eigenen Weg finden. Wenn du den gleichen Weg wie ich gehen würdest, würdest du wahrscheinlich scheitern.

Miriam Gutekunst: Immer mehr Journalisten, vor allem Reisejournalisten, arbeiten sowohl im Journalismus als auch in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Was hältst du von dieser Entwicklung?

Doug Lansky: Ich finde es nicht gut. Ich denke das ist wie die Kirche im Staat und das muss getrennt sein. Ich gehe diesen Weg nicht. Aber ich kenne viele Leute, die es tun. Die meisten arbeiten für beide Seiten.

Miriam Gutekunst: Aber was ist mit deiner Arbeit beim Scandinavian Airlines Inflight Magazin? War das etwa keine PR?

Doug Lansky: Nein, das war etwas anderes. Ich war damals Reiseredakteur. Der Chefredakteur hat nie verlangt, dass die Autoren nach den Wünschen der Airline schreiben. Ein Grund, warum ich irgendwann gekündigt habe, war, dass sich das geändert hat. Sie gaben plötzlich vor über welche Orte wir berichten sollen und da kam ich ins Zweifeln, denn die Airline flog genau diese Orte an. Also war es Zeit zu gehen.

Miriam Gutekunst: Noch eine letzte Frage: Was wird deine nächste Geschichte sein?

Doug Lansky: Ich bringe gerade vier Bücher zu Ende. Zwei davon aktualisiere ich nur. Außerdem bringe ich ein kleines, lustiges Buch heraus, ein Geschenkbuch voll mit kitschigen Souvenirs. Ansonsten schreibe ich immer wieder kleine Reisegeschichten. Wenn ein befreundeter Redakteur mich anfragt etwas zu schreiben, dann mache ich das gerne und gehe wieder auf Reisen.

Allgemein Interview ITB 2012 Topstories

Interrail: Seit 40 Jahren mit der Bahn durch Europa

Quelle: Deutsche Bahn

Ein Klassiker hat Geburtstag: Vor 40 Jahren sind die ersten Jugendlichen mit Interrail durch Europa gereist. Aber ist das Bahn-Angebot angesichts der Konkurrenz durch Billigflieger überhaupt noch zeitgemäß? Die europäischen Bahnen sind davon überzeugt und haben das Interrail-System 2010 reformiert. Und das Erlebnis Bahnreise lässt sich ohnehin durch keinen Flug ersetzen.

Wer 1972 von Deutschland ans Mittelmeer fahren wollte und kein Auto hatte, dem blieb kaum etwas anderes übrig, als die Bahn zu nehmen. Flugtickets waren unerschwinglich, höchstens trampen war noch eine Alternative. Heute ist das anders: Ryanair und Easyjet fliegen im Akkord sonnenhungrige Nordeuropäer an die Strände des Südens. Harte Zeiten für das Interrail-Angebot der europäischen Bahnen, könnte man meinen.

Doch die Bahnunternehmen haben das Interrail-Angebot dem Reiseverhalten angepasst. Wer schnell mit dem Flugzeug an den Ferienort fliegen und dann vor Ort mit der Bahn weiterreisen will, kann einen Länderpass kaufen, der nur in einem Land freie Fahrt erlaubt. Daneben bieten die Bahnen den Globalpass an, der in allen 30 europäischen Interrail-Ländern für die meisten Züge gültig ist. Diese Pässe sprechen eher die klassischen Interrailer an, die komplett mit dem Zug verreisen wollen. Im vergangenen Jahr waren das die meisten Kunden: Von den rund 236.000 verkauften Interrail-Pässen waren rund zwei Drittel Globalpässe. Auch die Globalpässe gelten allerdings nur im Ausland – Hin- und Rückfahrt zum ersten Bahnhof hinter der Grenze müssen extra bezahlt werden.

Darüber hinaus versuchen die Bahnen seit einigen Jahren für Interrail neue Kundengruppen zu gewinnen. War das Interrail-Angebot 1972 noch als ein auf neun Monate befristetes Spezialangebot konzipiert, das nur Jugendliche unter 21 Jahren in Anspruch nehmen konnten, gibt es heute Interrail-Angebote für alle Altersgruppen, auch zum Beispiel für Senioren. Gerade die seien heute viel mobiler als früher, meint Andreas Fuhrmann, Sprecher der Deutschen Bahn. „Wer vor vierzig Jahren schon mit Interrail gereist ist, will vielleicht heute nochmal eine Tour machen“, sagt er. Zur Not auf dem Gang zu schlafen sei dann allerdings nicht mehr jedermanns Sache. Deshalb können Reisende Interrail auch erster Klasse buchen.

Erster Klasse bleiben allerdings wahrscheinlich gerade jene Abenteuer auf der Strecke, die Interrail-Reisen unverwechselbar machen. Als 24-jähriger Student fuhr zum Beispiel Alexander Mahler mit Interrail von Straßburg durch die Schweiz und Österreich nach Budapest, Belgrad, Sarajevo und Zagreb – eine Reise, die ihn bis heute beeindruckt. „Wer fliegt, steigt in einem anonymen Flughafen in eine abgeschottete Kabine und wird an einem anderen Ort plötzlich wieder ausgespuckt. Mit der Bahn erlebt man die Reise viel intensiver, man erfährt sie mit dem Zug buchstäblich“, sagt er. Die Fahrt von Zagreb nach Sarajevo, an sich nicht besonders lang, habe sich für ihn wie eine kleine Weltreise angefühlt. „Drei Mal werden die Pässe kontrolliert, von böse guckenden, sowjetisch wirkenden Beamten“, erzählt er. Vor dem Fenster veränderte sich derweil die Landschaft, und im Abteil fuhren Menschen mit, die aus den jeweiligen Regionen stammten. „Das ist spannender, als zigtausend Kilometer mit dem Flugzeug zu reisen“, sagt er.

Erfahrungen, die in den vergangenen vierzig Jahren knapp acht Millionen Interrailer machten – und die heute so aktuell sind wie damals.

Preisinfo:

Globalpässe sind in allen Interrail-Ländern außer dem Heimatland gültig. Der günstigste Globalpass ist innerhalb einer Reisezeit von zehn Tagen an fünf Tagen gültig. Er kostet für Jugendliche (bis 25 Jahre) ab 175 Euro, für Erwachsende ab 267 Euro und für Senioren ab 241 Euro. Der Globalpass erster Klasse kostet 409 Euro für Erwachsene und 369 Euro für Senioren. Jugendliche können keinen Globalpreis erster Klasse kaufen.  Der teuerste Globalpass, gültig einen Monat lang, kostet zwischen 429 Euro für Jugendliche und 977 Euro für Erwachsene in der ersten Klasse.

Länderpässe kosten je nach Land und Reisedauer zwischen 36 Euro (3 Tage in Bulgarien, Mazedonien, Serbien und der Türkei) und 211 Euro (8 Tage in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien für Jugendliche. Erwachsene zahlen in der zweiten Klasse zwischen 56 Euro und 319 Euro, die erste Klasse kostet zwischen 86 Euro und 489 Euro. Ein Seniorenangebot wie bei den Globalpässen gibt es bei den Länderpässen nicht.

ITB 2012 Trends

Voll konzentriert

Foto: Dolmetscherin Vivi Bentin bei der Arbeit auf der ITB Berlin 2012. Quelle: Katharina Klöber

Wie im Bienenstock geht es zu auf der ITB, es herrscht ein Kommen und Gehen. Vivi Bentin ist mittendrin im hektischen Treiben. Um sie herum ist alles still. Die 36-Jährige ist konzentriert. Aufmerksam schaut sie durch die Glasscheibe, die sie von den Zuhörern trennt, auf den Redner auf der Bühne. Auf dem blonden Haar ein Kopfhörer, vor dem Mund ein Mikrofon. Vivi Bentin ist Dolmetscherin. Der Redner ist Niederländer. Er spricht Englisch. Was er sagt, übersetzt Bentin simultan ins Deutsche. Der Geschäftsmann präsentiert die Idee seines Unternehmens: Schwimmende Inseln sollen die Malediven vor dem Ertrinken retten.

Als ein anderer Redner die Bühne betritt, übergibt Vivi Bentin an ihren Kollegen Bernd Saure. Der 47-Jährige setzt seine Kopfhörer auf, Bentin ihre ab. Zeit für eine Lakritzschnecke und ein paar Fragen.

„In meinem Job werde ich immer wieder mit neuen Themen konfrontiert“, sagt Bentin. „Das mag ich an meinem Job, das macht die Arbeit so spannend.“ Dabei war Dolmetschen nicht von Anfang an ihr Berufswunsch. Ein Psychologiestudium brach sie ab, der Journalismus war Bentin zu hektisch. „Englisch und Französisch zu sprechen, ist mir schon immer leicht gefallen“, sagt sie. Seit 2001 ist die 36-Jährige Diplom-Dolmetscherin. In Berlin arbeitet sie seit sieben Jahren. Vier war sie im Büro des Regierenden Bürgermeisters, seit drei Jahren ist sie Freiberuflerin. „Die Arbeit für Klaus Wowereit war zwar interessant“, erzählt sie, „aber mir gefällt das projektgebundene Arbeiten besser. Es ist vielfältiger.“

Vor der Fensterscheibe der Dolmetscher-Box laufen plötzlich Messebesucher entlang. Sie haben den Anfang des Vortrags verpasst und suchen nach einem freien Platz im Saal. Die Sicht auf den Redner ist verdeckt. Vivi Bentin verscheucht die Besucher mit einer Handbewegung.

Die größte Herausforderung, sagt sie, sei das ständige Konzentrieren. „Man muss die ganze Zeit hellwach sein.“ Aber die geistige Aufmerksamkeit allein reiche nicht. „Ich muss verstehen, wie mein Gegenüber tickt, seine Botschaft rüberbringen.“ Manche Redner sprechen sehr schnell, andere lesen ihren Vortrag ab. „Mal übersetze ich einen vergeistigten Professor, mal einen abgedrehten Künstler.“ Am liebsten seien ihr Redner, die frei sprechen, gut verständlich und anschaulich.

Auf einmal drückt Bernd Saure auf den Knopf „Micro“ vor ihm. Für eine Sekunde ist die Übersetzung unterbrochen. Er schaut zu Vivi Bentin. Ihm fehlt ein Wort. Bentin hat den Vortrag mitverfolgt. „Ölplattform“, sagt sie. Saure drückt wieder auf „Micro“ und beendet seinen Satz.

Weil die Arbeit so anstrengend ist, arbeiten Dolmetscher im Team. „Ich übersetze nicht länger als eine halbe Stunde“, sagt Bentin, „dann übernimmt ein Kollege.“ In der Branche kennt man sich. „Wir leiten untereinander auch Aufträge weiter, wenn wir an einem bestimmten Termin ausgebucht sind.“ 80 bis 90 Konferenztage arbeitet ein etablierter Dolmetscher im Jahr, schätzt Bentin. Dann sitzt sie in Kabinen, mit Kopfhörern auf und übersetzt bei internationalen Veranstaltungen- so wie jetzt auf der ITB.

30 Minuten sind um. Bernd Saure setzt die Kopfhörer ab, Bentin ihre auf. Konzentriert blickt sie auf den Redner auf der Bühne. Weiter geht’s.

ITB 2012

Malediven überleben die Klimaerwärmung nicht: Futuristisches Bauprojekt als Rettungsansatz

Foto: Paul H.T.M. van de Camp präsentiert „Greenstar“ – ein schwimmendes Tagungshotel, das Nachhaltigkeit verkörpert. Foto: Jana Rentmeister

Die Malediven feiern in diesem Jahr 40-jähriges Bestehen als Urlaubsdestination – 1972 öffnete das erste Urlaubsressort. Auf natürlichem Wege würde die Inselgruppe längst keine weiteren 40 Jahre schaffen und den Klimawandel überleben: Drei Viertel der Inselgruppe ragt nur einen Meter aus dem Wasser, steigen wird der Meeresspiegel jedoch um 1,5 Meter. Holländische Vorreiter der Architektur geben Einwohnern Hoffnung: Sie bauen auf Wasser.

Visionäre werden vielfach für verrückt und wahnsinnig gehalten, selten für fantastisch. So kämpfen auch die niederländischen Architekten Koen Olthuis und Paul H.T.M. van de Camp (Dutch Docklands) hart für ihre Vision: Sie wollen auf 800 Hektar Wasser treibende Bauwerke positionieren. In Kooperation mit der maledivischen Regierung planen sie futuristische Bauprojekte, um die Malediven zu erhalten: deren „touristische Welt“ und „die der Einwohner“.

Der Klimawandel wird bis zum Jahr 2100 80 Prozent der Malediven unter Wasser gesetzt haben. Nahe der Südspitzen Indiens befindet sich dieses Taucherparadies: 220 der insgesamt 1.196 Inseln werden von Einheimischen bewohnt, 87 weitere werden für touristische Zwecke genutzt. Dort wohnen keine Malediver, sie kommen nur zum Arbeiten. Über eine Strecke von 871 Kilometern erstreckt sich die Inselkette. Die höchste Erhebung ist auf der Insel Vilingili – 2,4 Meter über Null. Drei Viertel der Fläche ist hingegen nur ein Meter höher als der Meeresspiegel, bei einer Steigung von 1,5 Metern wird demnach der Großteil geflutet.

„Das Problem der Malediver ist die Knappheit von Lebensraum. Wir Architekten haben immer nach Lösungskonzepten gesucht, diesem Mangel entgegenzuwirken“, so der Architekt Koen Olthuis. „Als der Aufzug erfunden wurde, konnte die Stadtplanung vertikale Richtungen einschlagen. Das haben Architekten und Stadtplaner genutzt. Auch sie wurden anfänglich für verrückt erklärt.“

Für die Malediven ist zunächst ein schwimmender Golfplatz geplant, dessen Design-Phase in den End-Zügen steckt. 500 Mio. US-Dollar wird die Entwicklung kosten; drei Inseln sind über Unterwassertunnel mit einander verbunden. Andere Projekte stecken schon in der Bauphase. High-Tech-Elemente werden in den Niederlanden entwickelt und hergestellt und erst dann auf dem Wasserweg zu den Inseln gebracht – für die Forscher ist ihre Nähe zur Produktion besonders zu Beginn der Bauphase essentiell. Neben dem Golfplatz ist „Greenstar“ geplant, ein sternenförmiges Tagungshotel, in dem vorzugsweise Tagungen über Wassermanagement, Klimawandel und Nachhaltigkeit stattfinden.

„Bis zu Flächen von 200 x 200 Metern können wir bauen“, erklärt Koen Olthuis, „das ist ähnlich wie beim Lego-Spiel: Man muss lernen, Dimensionen immer neu abzuschätzen.“ Fachleute prognostizieren bis 2020 einen Zuwachs von 70.000 Einwohnern auf den Malediven. Neben Golfplätzen und Hotels können auch Nutzflächen für die Landwirtschaft, Büros oder Parkhäuser an bestehende Landerhebungen angekoppelt werden, Styropor ist jeweils der Trägerstoff.

„Dadurch, dass die Bauelemente schwimmen und ihr Herstellung nahezu überall möglich ist, können wir auch besonders günstig produzieren“, führt Koen Olthuis weiter aus. „Stellen Sie sich einmal vor, wir bauten ein Stadion für die Olympischen Spiele. Das könnte zu jedem Land gebracht werden, das diese ausrichtet, ohne dass immer wieder ein neues gebaut werden müsste, welches nach den Spielen leer steht.

Fathimath Raheel von der maledivischen Tourismusvertretung lebt auf den Malediven. Sie freut sich auf das Projekt: „Es ist ein unglaubliches Projekt, aber wir wissen, ohne das Projekt hat unser Land keine Chance, wir müssten sonst auswandern.“

Die verheißungsvollen Pläne der Architektur-Pioniere kompensieren auf den Malediven heute den Flächenrückgang, der anderen Nationen morgen drohen könnte, denn 90 Prozent der größten Städte dieser Welt liegen am Wasser. Die Firma Dutch Docklands gilt als der Experte für Wasser-Management.

„Einen Tsunami muss kein Bewohner eines treibenden Bauwerks fürchten: Auf hoher See ist lediglich eine kleine Welle zu merken, erst am Ufer kommt es zu der großen Flutwelle“, ergänzt der Architekt. Er zählt zu den weltweit einflussreichsten.

Mehr Informationen unter http://www.dutchdocklands.com

Allgemein ITB 2012

Zoff um Ruhrpott-Klischee bei Sat.1

Foto: Ingo Lenßen auf dem Werbeplakat für die nach ihm benannte Sendung bei Sat.1. Quelle: Sat.1

Kaum angelaufen, gibt es schon Zoff um TV-Anwalt Ingo Lenßen. Für die neuen Folgen, die Sat.1 seit dem 5. März im Vorabendprogramm ausstrahlt, hat der Münchener seine Kanzlei ins Ruhrgebiet verlegt. Auf dem Werbeplakat für die Sendung thront der Mann mit dem gezwirbelten Schnurrbart in seinem Schreibtischstuhl auf einer Halde. Im Hintergrund: Dunkle Industriegebäude und rauchende Schlote.

Das Motto für die neuen Folgen lautet: ‚Der Pott ist sein Büro’. Ein Klischee, dass die Ruhr Tourismus GmbH nervt. „Wir sehen das nicht gerne“, sagt Jochen Schlutius von Ruhr Tourismus. „Das alte Image vom Kohlenpott ist zwar immer noch begehrt“, sagt er, „aber wir wollen den Menschen in Deutschland lieber das neue Bild vom Ruhrgebiet zeigen.“ Auf der ITB Berlin 2012 wirbt Ruhr Tourismus deshalb mit erstklassigen Kulturveranstaltungen, guter Küche und und dem Ruhrtalradweg um Besucher.

SAT.1-Sprecherin Diana Schardt erklärt die Wahl des Plakats so: „Anzeigenmotive arbeiten mit Stereotypen und überspitzten Darstellungen. Das ist auch in diesem Fall so.“ Seine Schönheit wolle man dem Ruhrgebiet aber nicht absprechen. TV-Anwalt Ingo Lenßen meint: „Mir gefällt das Motiv, da es genau das in den Mittelpunkt stellt, was der Pott war und heute noch ist: Er hat seine alten Industrieanlagen in Kulturstätten umgewandelt.“ Ganz so genau nimmt es Sat.1 anscheinend dennoch nicht. Schließlich haben  Kulturstätten in ehemaligen Industriegebäuden heutzutage keine rauchenden Schlote mehr.

Allgemein ITB 2012 Topstories

Loveparade nicht erste Assoziation zu Duisburg

Foto: Der Landschaftspark Duisburg-Nord bei der ExtraSchicht, Nacht der Industriekultur. Quelle: Ruhr Tourismus/ Jochen Schlutius

Hören Menschen das Wort „Duisburg“, denken sie nicht automatisch an die Loveparade-Katastrophe. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der FH Westküste für Wirtschaft und Technik in Heide. Prof. Bernd Eisenstein stellte die Untersuchung am Donnerstag auf der ITB Berlin 2012 vor. ‚Was fällt Ihnen zum Reiseziel Duisburg ein?’ – das hatten er und seine Mitarbeiter etwa 1000 Bundesbürger zwischen 16 und 64 Jahren im Auftrag von Duisburg Marketing gefragt. Die erste Befragung fand im Herbst 2010 statt, die zweite ein Jahr später.

Die Bilanz: „Die meisten Nennungen entfielen auf das Grundimage der Stadt“, sagte Eisenstein. Dazu gehören der Ruhrpott, Industrie/Kohle/Stahl und der Binnenhafen. Etwa jeder zehnte Befragte nannte 2010 Begriffe wie Loveparade, Loveparade-Katastrophe, Todesfälle oder Massenpanik. Ein Jahr später war es laut Studie noch jeder Zwanzigste. „Das zeigt, dass die Loveparade bei den Bundesbürgern als Assoziation an Bedeutung verliert“, sagte Eisenstein.

Ein weiteres Ergebnis: Das Abwahlverfahren gegen den ehemaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland spielt in der bundesweiten Wahrnehmung der Stadt keine Rolle. „Das waren nicht messbare Einzelnennungen.“ Dass sich die OB-Abwahl auf Duisburgs Image positiv auswirkt, wollte Uwe Gerste von Duisburg Marketing nicht bestätigen. „Für uns war wichtig, dass das Abwahlergebnis eindeutig ausfällt – egal ob für oder gegen Sauerland.“

Für die Zukunft hatte Bernd Eisenstein eine Empfehlung parat: „Duisburg muss aktiv etwas dafür tun, dass die Loveparade nicht dauerhaft in den Köpfen bleibt.“ So solle Duisburg stärker als bislang auf Städtetourismus und Industriekultur setzen, wie auf das Vorzeigeprojekt Landschaftspark Nord.

ITB 2012