Hunger, Elend, und vor allem Kriminalität – so stellt sich ein Großteil der Welt die Slums in Entwicklungsländern vor. Solche Bilder treiben die Bewohner noch mehr in die Isolation. Diese Stereotype will der Slumtouren-Veranstalter Reality Tours & Travel mit Führungen durch die unterprivilegierten Stadtteile Mumbais beseitigen. Der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. hat deshalb das Projekt auf der ITB Berlin im März 2015 als Vorbild für „sozialverantwortlichen Tourismus“ ausgezeichnet.

Asim Shaikh, der selbst im Slum aufgewachsen ist, hat als Lehrer bei Reality Tours & Travel angefangen, inzwischen organisiert er die Touren. Eine Erfolgsstory, die er durch seine Arbeit auch anderen Slumbewohnern ermöglichen will. „Die Idee war der Slum-Gemeinschaft etwas zurückzugeben.“, erzählt Shaikh. „80 Prozent der Einnahmen fließen mittlerweile in Programme, von denen die Bewohner direkt profitieren.“ Dabei geht es vor allem um Bildung. Reality hat eine Schule eröffnet, in der zur Zeit etwa 380 Schüler von Lehrern unterrichtet werden, die selbst aus den Slums kommen. Schon im kommenden Jahr sollen mindestens doppelt so viele Jungen und Mädchen dort zur Schule gehen. Denn nur wer Englisch spricht und zumindest Computergrundkenntnisse aufweisen kann, hat in Indien die Chance auf einen guten Job.

Doch bevor die Touristen durch Dharavi, den größten Slum Mumbais geführt werden, gibt es wichtige Regeln zu beachten. Von dem Veranstalter werden sie darauf aufmerksam gemacht, weder Kamera noch nackte Haut zu zeigen. „Es ist wichtig, dass die Kunden keine Fotos machen, damit sich die Menschen nicht wie im Zoo fühlen.“, erklärt Shaikh. „Mit Kleidung bedeckte Arme und Beine sind Pflicht.“

Ist Slum-Tourismus ethisch vertretbar?

Dieser Respekt vor den Slumbewohnern ist eine der Voraussetzungen, die vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. im Rahmen des „TO DO! Wettbewerbs 2014“ von den Bewerbern gefordert wurde. Deshalb ist Dr. Dietmar Quist als Gutachter nach Mumbai gereist, um den Slumtouren-Veranstalter Reality eigens zu überprüfen. Allerdings hat er sich dennoch die Frage gestellt, die vermutlich vielen in den Sinn kommt, wenn es um Slum-Tourismus geht: Ist ein solcher Tourismus überhaupt ethisch vertretbar? Doch die Sensibilität des Reiseführers hat den Gutachter überzeugt und ihn dazu bewogen den Preis für Shaikhs Team zu befürworten.

Zwar sind keine Gespräche zwischen den Slum-Bewohnern und den Touristen möglich, weil die wenigsten Inder dort Englisch sprechen. „Aber es gibt ja auch so etwas wie Augenkontakt, sich kurz zuzwinkern oder zunicken.“, schmunzelt Quist. Jedenfalls hat sich bei ihm nicht das Gefühl entwickelt, nicht willkommen zu sein.

Nicht nur ausländische Touristen, immer häufiger sind es auch Inder und indische Schulklassen, die die unterprivilegierten Stadtviertel in Mumbai besuchen. „Jeder, egal ob Ausländer oder Inder, hat ein falsches Bild von den Slums.“, ist sich Shaikh sicher. „Sie glauben, dass nur schlechte, kriminelle Menschen dort wohnen.“ Doch in Dharavi zeigt sich, dass das nicht immer der Fall sein muss. Die Menschen sind mangelernährt, aber vergleichsweise wenige sind arbeitslos.

Slum-Tourismus für mehr Selbstbewusstsein

Die Bewohner der Slums kennen Shaikh und wissen, dass er und sein Team den ganzen Slum unterstützen. Bei einer Hausbesichtigung erleben sie auf welch engem Raum sich das Leben einer Slum-Familie abspielt. Sie gehen durch Gässchen, die nur schulterbreit sind und in deren Mitte das Abwasser die Straße runter läuft. Dass Shaikh und sein Team in Deutschland den Preis für „sozialverantwortlichen Tourismus“ bekommen haben, ehrt den Inder ganz besonders. Auch in der Heimat selbst: Über 60 Familienmitglieder haben ihn zum Flughafen begleitet.

Seit 20 Jahren zeichnet der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung besonders sozialverantwortliche Projekte aus. Auf der ITB Berlin 2015 wurde im März deshalb nicht nur Reality Tours & Travel geehrt, auch die Projekte ACTUAR aus Costa Rica und „Mitan Responsible Tourims“ gehören zu den Preisträgern. Das Hauptkriterium der Jury für die Vergabe des Preises ist die Partizipation der Einheimnischen. Sie sollen sich mit den Projekten wohl fühlen und die Chance bekommen mitzureden und auch mitzubestimmen. Jährlich gibt es mehrere hundert Bewerber, die meisten davon aus Entwicklungs- oder Schwellenländern. Die Jury wählt lediglich drei bis vier von ihnen aus, die dann alle von einem Gutachter vor Ort besucht werden. (pyb)

Mehr Informationen zu den Preisträgern 2014:

http://realitytoursandtravel.com/about.php

https://www.actuarcostarica.com/

http://en.silkroaddestinations.com/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s