Entlang der Halle 6 eilen Menschen hin und her, telefonieren im Laufen oder aktualisieren ihren Tagesplan. Gabelstapler und Pkw brausen vorbei. Von überall her sind Geräusche zu hören, Gespräche, Telefonate, zurücksetzende Lkw. Noch hektischer geht es in den Hallen selber zu. Die Menschen schieben und drängen sich durch die Gänge, reden, rufen, diskutieren, der Geräuschpegel ist enorm. Rundherum blinkt und funkelt es, Werbebanner locken, Teller und Geschirr klappern, Fotografen hetzen von einem Stand zum nächsten.

Um diesem rasanten Wahnsinn Einhalt zu gebieten, hat die Evangelische Kirche an Halle 6 einen „Raum der Stille“ eingerichtet. Grüne Schilder weisen auf eine mit Jalousien verhängte Glastür. Messeseelsorge/Pastoral Care steht über dem Eingang. Fällt die Tür hinter einem ins Schloss, scheinen der Lärm und die Hektik weit entfernt. Robuste Holzstühle stehen im Kreis, in der Mitte sind auf einem ein niedrigen Tisch eine Kaffeekanne und ein Teller mit Keksen angerichtet. An einem Ende des Raumes ist ein kleiner Altar errichtet, hinter dem ein buntes Gemälde eines Kreuzes die Wand dominiert. Kerzen und gedämpftes Licht beleuchten den Raum. In einer Ecke liegt ausgebreitet ein Gebetsteppich. Die Atmosphäre wirkt äußerst beruhigend. Vielleicht liegt es daran, dass der kleine Raum so gänzlich anders ist als alle anderen auf der Messe.

„Der Raum ist für alle, die für einen Moment inne halten wollen. Viele Leute muslimischen Glaubens nutzen ihn auch als Gebetsraum“, erzählt Rainer Hennekes. Der 61-jährige Diakon ist Teil eines kleinen Teams, das die Einrichtung betreut. Er selbst ist seit etwa sieben Jahren dabei. Meistens hat Hennekes eine eher passive Aufgabe und wacht nur im Nebenraum über den „Raum der Stille“. Es ist aber schon häufiger passiert, dass Leute das persönliche Gespräch suchen. Laut Hennekes wollen diese Menschen oft nicht den Dialog, sondern jemanden, der ihnen zuhört. Die Dauerbelastung durch die permanente Geräuschkulisse und den ständigen Kontakt zu Menschen bringt manche Leute an einen Punkt, ab dem sie nicht mehr können. Und genau um dem entgegenzuwirken, gibt es diesen Raum.

Wie frequentiert der Raum ist, hängt generell von der Art und der Länge der Messe ab. „Allerdings kann man nie vorhersagen, wie viele Menschen an einem Tag diesen Hort der Ruhe aufsuchen“, sagt Hennekes. Im Gästebuch stehen aber zahllose Einträge, mit denen sich Gäste für die Einkehr bedanken. Heute ist der Raum einigermaßen gut besucht. Drei Frauen knien auf dem Gebetsteppich, ein Mann und eine Frau sitzen schweigend auf zwei Stühlen, den Blick in Gedanken versunken auf den Altar gerichtet.

Wirkliche Extremfälle hat Hennekes persönlich noch nicht erlebt. Er weiß aber zu berichten, dass es einmal einen Todesfall während einer Messe gegeben hat und in solchen Momenten viele Leute Beistand suchen.

Rainer Hennekes hält sich aber nicht ununterbrochen im Refugium auf, sondern schaut sich auch auf der Messe um. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Katalog über Segelschiffe. „Ich habe festgestellt, dass ich lange nicht mehr Segeln war“, lacht er. (pzi)

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