Wie ein Tiger schleicht sie um den Stand herum. Sie will etwas, traut sich aber nicht. Das Raubtier bin ich. Was ich will ist ein Apfel. Den habe ich am Infostand entdeckt. Aber da die Herren der Hotelkette dort unglaublich wichtige Gespräche führen, erbeute ich keinen. Im Imagefilm des Hotels bekommen gutaussehende Gäste ein Gourmetgericht serviert. Das will ich auch! Ich habe gewettet. In der Mittagspause zwischen zwölf und ein Uhr soll ich für mich ein Drei-Gänge-Menü ergattern. Ich könnte es auch schnorren nennen, Geld ausgeben sieht die Wette nämlich nicht vor. Als „How I Met your Mother“-Junkie kenne ich auf solche Herausforderungen nur eine Antwort: Challenge accepted. Die Zeit läuft, ich habe nur noch 55 Minuten.

Ich bin optimistisch. Halle 26 ist mein Ziel und direkt davor steht ein Imbiss neben dem anderen. Es riecht köstlich nach gebratenem Reis und Sojasauce. In der Halle riecht es nicht mehr so gut. Es riecht auch nicht schlecht, aber einfach nicht nach Essen. Wenn ich schon nicht die Nase eines Raubtieres habe, suche ich mir ein Leittier. Zwei Männer laufen an mir vorbei. Sie tragen jeweils zwei Tüten voller Essen. Hier ein Ausfallschritt, dort ein Sprint. Primitiv wie ich bin, folge ich ihnen. Doch plötzlich schlagen sie einen Haken und die Tür vor meiner Nase zu. Nach dem verlorenen Hindernisrennen schreit mein Magen nach Aufmerksamkeit. Und dann muss mein Körper auch noch die Last des Zeitdrucks auf seinen Schultern tragen. Ich habe schon zehn Minuten vertrödelt. Wohin soll das führen? Keine drei Minuten später habe ich einen malaysischen Tee in der Hand. Eigentlich bin ich wegen der Konservendosen zu dem Stand gelaufen. Die Dosen sind zu und was sie dort sollen, verstehe ich nicht. Aber man versichert mir, dass der traditionelle Tee immer getrunken werden könne. Auch als Appetizer. Ich trinke und bekomme einen Zuckerschock. Der Tee liefert sogar Energie, ist mein erster Gedanke. Mein zweiter ist weniger euphorisch: Nach dem Zuckerhoch folgt üblicherweise das Zuckertief. Jetzt muss ich neben der weltlichen auch noch die biologische Uhr bezwingen. Ich habe nur noch 40 Minuten. Die Mission geht vielversprechend weiter, ich bekomme eine Brezel. Malaysischer Tee und bayerisches Gebäck – wenn das mal kein Appetizer ist. Jetzt ist der Hauptgang dran.

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Ich habe eine Theorie. Eine Art Geheimbund verteilt die leckeren Häppchen exklusiv an seine um den Stand verteilten Mitglieder. Essen sehe ich jetzt nur noch, wenn es gegessen wird – und zwar von anderen. Trotz Augenkontakt und freundlichem Lächeln wird mir von dem Geheimbund keine Mitgliedschaft angeboten. Ich bin kein Barney Stinson, meine Mittel sind begrenzt. Als mich auch noch ein Gitter von einem Buffet trennt, wächst in mir die Rebellin. Bin ich eine Gefangene? Als Revoluzzerin bin ich natürlich gegen ungerechte Verteilung. Die Uhr tickt, das Ziffernblatt gibt mir nur noch 30 Minuten. Also durchbreche ich die Mauern. Eben war noch ein Minister aus Indonesien auf der anderen Seite. Jetzt ist er weg. Jetzt bin ich da. Ich stehe auf der anderen Seite, kaue auf einem Bananenblatt rum und löse das Rätsel. Der Geheimbund heißt Cateringfirma und arbeitet für den Indonesienstand. Von dem Essen kann, nein soll ich gerne mal was probieren: Rindersaté, scharfe Erdnusssoße und Shrimpchips. Ach, wie schön ist das Rebellenleben. Das Bananenblatt war übrigens als Deko gedacht. Hauptgang: Check!

Hier eine Schokolade, da ein Bonbon. Überall stehen Schälchen mit Knabbersachen und Gummibärchen. So was es zumindest gestern. Doch wo sind die Nachspeisen, wenn man eine Wette zu gewinnen hat? James Bond spielt in Macao mit dem Glück, bekommt Geld und trifft sein Bondgirl. Ich bin auch auf Mission, also folge ich seinen Spuren. Doch James und ich müssen zwei verschiedene Macao aufgesucht haben. Mir wird an diesem Messestand mein ganzer Optimismus genommen. Essen sei hier nicht so wichtig. Was würde James tun? Waffen besitze ich nicht, auf die stehe ich als friedliebende Rebellin auch nicht. Also probiere ich es mit Charme und bekomme einen Hinweis. Es geht gen Hongkong. Dort bietet man seinen Gästen etwas an. Die Verantwortlichen evaluieren sogar, welche Gerichte bei den Besuchern gut ankommen und welche nicht. Ich habe noch zwölf Minuten und die Mission in Bond-Manier erfüllt. Wie im Film erwartet mich ein Happy End: Panna Cotta.

Gegen mich gewettet hatte übrigens mein Magen. Der scheint mit der Niederlage aber ganz gut leben zu können.