Foto: IC Tourismus

Auf der Fachbesuchermesse der ITB 2012 in Berlin wird ein Vortrag nach dem anderen über Social Media, Smartphones & Co. gehalten. Die Säle sind übervoll. Und die Referenten freuen sich über die große Anzahl an interessierten Zuhörern. Mitten drin im Geschehen Stefan Niemeyer, Agenturleiter bei IC Tourismus. Nach seinem spannenden Vortrag „Kultur wird sozial und mobil. Wie Social Media und Mobile Marketing den Kulturtourismus verändern“, beantwortet der Marketing Designer & Entwickler Fragen von young press:

Katharina Czech: Täglich sind wir mehr und mehr der virtuellen Welt ausgesetzt. Wie wirkt sich dies auf die Tourismusbranche aus?  Sehen die Anbieter Smartphones und Apps als Gefahr oder fasst die Branche diese Erneuerung als Erweiterung der eigenen Möglichkeiten am Markt auf?

Stefan Niemeyer: Ich hoffe sehr das die Tourismusbranche dies nicht als Gefahr sieht, denn es ist keine Gefahr. Es ist  vielmehr eine ganz große Chance, die es in den unterschiedlichen Reisephasen gibt. Unter anderem in der Phase des Aufenthaltes. Der Gast hat durch die mobile Welt die Möglichkeit seine Reise noch interaktiver zu gestalten. Diese Medien können stärker herauszufinden, was der Gast während  seiner Reise erlebt, was er empfiehlt und was er für Impressionen hinterher mitnimmt.  Dies sind die Anforderungen, die ein Gast mobil während eines Aufenthaltes nutzt. In all den Medienanwendungen, die ich mit meinem Smartphone mache, kann ich alle kleinen Eindrücke festhalten, die ich in der Destination sehe. Und je besser die Destination, das Unternehmen, der Reiseanbieter darauf einsteigt, diese animiert und auch reflektiert, um so größer ist die Chance für die Destination, Multiplikatoren zu finden aber auch die eigene Qualität zu kontrollieren.

Katharina Czech: Was folgt daraus? Werden zum Beispiel im klassischen Tourismus-Geschäft Stellen abgebaut? Kann man das heute schon beobachten?

Stefan Niemeyer: Das klassische Reisebüro muss grundsätzlich niemals aussterben, weil es schon vor 10 Jahren so war, das gesagt wurde, das Reisebüro ist tot. Aber auch heute lebt es noch. Jedes Unternehmen muss aber auch einen Wandel mitmachen, muss die Komponenten, die den Reiseinteressierten beschäftigen und die er anwenden will, mittragen können. Es muss nicht zwingend Personal reduziert werden. Das Personal muss da eingesetzt werden, wo es gebraucht wird. Für den Gesamttourismus würde ich nicht von echten Rückgängen sondern von Personalverlagerungen sprechen, und Unternehmen müssen sich neu definieren.

Katharina Czech: Der Weiterbildungssektor wird somit in den nächsten Jahren für den klassischen Tourismus eine große Rolle spielen?

Stefan Niemeyer: Es ist ein sehr dynamischer Trend und auf dem Weiterbildungsmarkt gibt es spannende Ansätze, bestehende Berufsfelder werden zum Beispiel um neue Komponenten erweitert. Ob es nun zwingend einen neuen Weiterbildungsbereich geben muss, da bin ich mir nicht sicher, in manchen Teilen vielleicht. Ich glaube aber schon, dass man die bestehenden Berufsfelder an die Angebote anpassen muss. Dies passiert auch gerade und wird in Zukunft bestimmt weiter ausgebaut. Aber mit Sicherheit gibt es in der Tourismusbranche noch Nachholbedarf. Dass natürlich der Nachwuchs jetzt schon das erlernt, was er dann in vier bis fünf Jahren wirklich anwenden muss und anwenden will, damit der Gast zufrieden ist, steht außer Frage.

Katharina Czech: Ist es möglich, dass die virtuelle Welt den Menschen aus Fleisch und Blut in seiner Funktion ersetzt, z. B. den Reiseführer? So wie mit der Industrialisierung auch die Maschinenkraft die menschliche Arbeitskraft ersetzt hat?

Stefan Niemeyer: Das glaube ich nicht. Ich glaube viel mehr, dass die Kombination aus beidem spannend sein kann. Also, Reisen und der Urlaub als solches ist ein emotionales Gut,  der persönliche Kontakt ist ein wichtiger Faktor. Eine gewünschte Führung durch einen Urlaub ist immer etwas, das im Kopf haften bleibt. Ein Smartphone kann das nicht ersetzen, und auch die beste App nicht. Aber es gibt Bereiche während einer Reise, auf denen das Smartphone mir Mehrwerte bieten kann, die über den persönlichen Kontakt hinausgehen. Technik ist immer ein Unterstützer. Technik ist nicht dominierend. Und beide Komponenten, das Persönliche und das Mediale, sind sicherlich spannende Ergänzungen. Somit sollte das Thema Servicequalität und das Thema  der persönlichen Ansprache in den Vordergrund rücken. Weil es genau diese herzlichen Begegnungen sind, die Dinge, die ein Smartphone niemals leisten kann. Und das sind die Bereiche, wo man auf einmal noch stärker als bisher punkten kann.

Katharina Czech: Wie sieht die Zukunft aus? Kann man dann auf Bargeld verzichten, da es z. B. heute schon die Möglichkeit des Tickting gibt?

Stefan Niemeyer: Ich kann es mir vorstellen. Technisch ist es jetzt schon machbar. Das größte Hindernis dabei ist der Mensch und das wir bereit sind, auf alte Gewohnheiten zu verzichten. Die Hauptkomponente beim bargeldlosen Zahlen ist aber immer der Sicherheitsaspekt. Wenn dieser so gelöst ist, dass das Vertrauen der Menschen da ist, dann glaube ich, dass man in vier bis fünf  Jahren in Ansätzen und in 10 Jahren schon flächendeckend  diese Bezahlmöglichkeit praktizieren kann. Unterm Strich glaube ich, dass die Kreditkarte in der Tasche ein höheres Sicherheitsrisiko ist als das Smartphone. Es ist natürlich eine Sache, die im Kopf sich abspielen muss, und ein flächendeckendes Angebot der Geräte muss gegeben sein.

Katharina Czech: Und eine persönliche Abschlussfrage. Was ist ihr nächstes persönliches Reiseziel?

Stefan Niemeyer: Amerika, genauer New York. Bruce Springsteen geht auf Tour, und ich möchte ihn gerne in New York sehen. Das wäre mein nächster Wunschreiseort.

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