Quelle: Marcel Weyrich

Warum es Personen gerade jetzt in Länder wie Libyen treibt und wie das von Destinationen und Reiseveranstaltern ausgenutzt wird, erklärt Touristik-Professor Rainer Hartmann von der Hochschule Bremen. Er erstellte nach jüngsten Entführungen im Frühjahr in Äthiopien eine Typologie abenteuerlustiger Reisender und gibt Tipps, wie man auch risikoarm Abenteuer erleben kann.

Krieg, Verwüstung oder Elend: Wenn ein Land mit einem dieser Begriffe in Verbindung gebracht wird, so steigt es bei bestimmten Reiseabenteurern schnell im Kurs. Das gilt aktuell für Libyen. Trotz des Bürgerkrieges, der vor kurzem zu Ende gegangen ist, präsentierte sich Libyen Tourismus auf der ITB Berlin 2012. Khaled Ghellali, Direktor der staatlichen Tourismus-Behörde, bestätigt: „Klar, wenn man Abenteurer ist, will man natürlich gerade zu uns, Anfragen gibt es momentan sehr viele“.  Touristen-Visa werden aber nicht ausgestellt. „Wir wollen zuerst eine Basis schaffen, in der Sicherheit herrscht“, so Ghellali, um ohne Bedenken Touristen einlassen zu können. Das gehe aber nicht vor den Neuwahlen im Juni, zu riskant sei die Lage momentan. 

Dass eine Vorsicht wie die Libyens oft nicht an den Tag gelegt wird, prangert Professor Hartman an. Dabei meint er nicht nur Destinationen, sondern auch Reiseführer und Medien. „Viele Destinationen informieren nicht oder nur im Kleingedruckten über eventuelle kleine oder große Gefahren“, so Tourismus-Experte Hartmann. Jemen zum Beispiel präsentiere sich im Internet zu positiv, und weise nicht sehr transparent auf die Entführungsgefahr hin. „Dort entführt zu werden, ist momentan aber schon recht wahrscheinlich“, schätzt er. Wenn von einer Stadt eine Warnung bekannt sei, hält das Abenteurer noch lange nicht von einem Jemenbesuch ab. Sie führen trotzdem in den Jemen und umgingen diese Stadt einfach.

Problematisch findet er auch den aktuellen lonely planet-Reiseführer über Eritrea. Dort werde sogar erwähnt, wie wirtschaftlich zerstört das Land und unsicher die Gegend sei. Sobald aber von der unvergleichlichen Schönheit der Landschaft geschrieben werde, entstehe der Eindruck „es ist alles gefährlich und unsicher aber, boah, Leute, fahrt dorthin“. Psychologisch begründet Hartmann, dass Gefahren wie Krankheiten als viel größer eingeschätzt werden als Kriege oder Unruhen. Er bezieht sich dabei auf aktuelle Studien der Mondial Versicherungs-AG.

Seine Typologie (geschlechtsübergreifend):

Der Special-Interest-Reisende
Er ist Interessiert an Naturphänomenen, aber ein sehr reflektierter Reisender. Er geht keine großen Risiken ein. Er will etwas Besonderes erleben, aber bitte alles geführt und gesichert.

Der unkonventionelle Entdecker
Er empfindet das Risiko beim Reisen als Teil eines bestimmten Lebensstils. Motive sind in etwa nicht nur, etwas Besonderes erlebt zu haben: Auch Freunden und Kollegen erzählen zu können, wo er war und was er gemacht hat, spielt bei ihm eine Rolle.

Der bewusst risikobereite Abenteurer
Er sucht die besondere Herausforderung, den Thrill, aber als kontrollierte Grenzerfahrung. Der Marktanteil dieser Gruppe ist sehr gering, dafür ist dieser Typus am ehesten in Ländern wie Lybien in seiner aktuellen Lage vorzufinden.

Wer sicher nach Hause kommen will, kann aber einige Tipps beachten, um einen sicheren Urlaub zu verbringen. „Als allererstes sollte man die Hinweise des Auswärtigen Amtes beachten“, rät Hartmann. Die Infos seien immer sehr aktuell und ausgewogen und ein guter Hinweis, ob man überhaupt in ein Land reisen kann. „Gerade bei den Destinationen, die große Veranstalter vorsichtshalber aus dem Programm genommen haben, tut sich eine Nische auf, die gerne von unseriösen Anbietern genutzt wird“, erklärt der Experte. Abenteuerurlaub finde meistens sowieso individuell statt, aber wenn Reiseveranstalter wie Studiosus, die für kulturnahe Begegnungen bekannt sind, schon bestimmte Orte nicht mehr anführen, so solle es sich der Individualtourist auch besser noch einmal überlegen.

Khellali von der Tourismus-Behörde träumt davon, dass Touristen eines Tages in Libyen so herumspazieren können, wie es in Europa möglich ist. Auch wenn es ein langer Weg bis dahin scheint: Er glaubt, dass eine neue Regierung darauf setzen wird, alleine wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Bald wird sich zeigen, ob Libyen für den Massen-Tourismus interessant , oder das Land für den bewusst risikobereiten Abenteurer bleibt.

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