Foto: Edith Kresta, Thomas Müller, Nicole Häusler, Dr. Peyman Javaher-Haghighi, Hamed Abdel-Samad, Dr. Wolfgang Aschauer, Burghard Rauschelbach. Quelle: Miriam Gutekunst.

Dass es einen Zusammenhang zwischen politischen Umbrüchen und Tourismus gibt, ist wissenschaftlich nachgewiesen: Während zum Beispiel Ägypten vor den Demonstrationen am Tahrir-Platz in Kairo eine führende Position im touristischen Wachstum besetzte, brach der Tourismus im Februar und März 2011 um bis zu 80 % ein. Mittlerweile hat sich der Rückgang bei circa 30 % eingependelt und die Touristenzahlen gingen von 14 Millionen auf 10 Millionen zurück. Brauchen Länder wie Ägypten in einer politisch instabilen Situation Tourismus? Und wenn ja, welche Art von Tourismus?

Abseits des regen, bunten Treibens der ITB Berlin hatte sich heute Morgen eine kleine Runde zusammengefunden, um über diese Fragen zu diskutieren. In zahlreichen Podiumsdiskussionen über die Zukunft der arabischen Länder nach der Revolution würde auf der Messe ja doch jeder das Gleiche sagen: „Kommt, bereist uns, dann helft ihr der Wirtschaft!“, erklärte der Moderator Burghard Rauschelbach, Leiter des Sektorvorhabens „Tourismus und nachhaltige Entwicklung“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Dieser scheinbare Konsens der ITB Berlin sollte in diesem überschaubaren Rahmen nun mit kritischen Stimmen beleuchtet werden. Eingeladen waren der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad, der Soziologe Dr. Wolfgang Aschauer, die Leiterin der Redaktion „Reisen und Interkulturelles“ der taz – die tageszeitung Edith Kresta, die Beraterin für nachhaltigen Tourismus Nicole Häusler und der iranischstämmige Experte und Autor Dr. Peyman Javaher-Haghighi.

Edith Kresta plädierte für einen „Revolutionstourismus“. Diese Art des Reisens hat seine Wurzeln bei der linken Bewegung in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit hieß es zum Beispiel: „Wir reisen nach Nicaragua und helfen bei der Revolution.“ Die Journalistin war in den letzten Monaten mehrere Male in Tunesien und ist begeistert von der neuen Offenheit der Menschen. Sie sieht im Tourismus eine Chance für die Bevölkerung sich dem Westen weiter zu öffnen. Das Land habe als Ursprung des arabischen Frühlings zum ersten Mal ein Gesicht bekommen. Ein Alleinstellungsmerkmal, das Tunesien als Reiseziel nicht länger austauschbar mit jedem anderen All-Inclusive-Urlaubsangebot mache. Man solle als Tourist die Bevölkerung unterstützen und abseits der 3-Sterne-Clubhotels mit den Menschen ins Gespräch kommen.

Dass Touristen nicht mehr die „Autobahn der Vorurteile“  fahren, sondern in Kontakt mit den Einheimischen treten, wünscht sich auch Hamed Abdel-Samad für sein Geburtsland Ägypten. „Touristen und Ägypter beobachten sich wie im Zoo und keiner weiß, wer der Affe ist“, beschrieb der Politikwissenschaftler die Begegnung zwischen Besuchern und Gastgebern. Diese Bilder müssten jetzt diskutiert und verhandelt werden. Die Frage sei, welche Tourismusform dabei helfen kann?

Die Ethnologin Nicole Häusler hält es in diesem Zusammenhang für wichtig, die gesamte Bevölkerung am Tourismus partizipieren zu lassen. Man müsse auch dem Mittelstand die Chance bieten sich einzubringen und Unternehmen zu gründen. Diese Länder bräuchten einen Tourismus, der mittelständig orientiert ist und auch in prekären Regionen ankommt, bestätigte Edith Kersta den Ansatz des „community-based tourism“. Bisher habe sich der Tourismus wie ein rotes Band durch Ägypten gezogen, das von Urlaubern abgeklappert wurde: immer die gleichen Hotels, immer die gleichen Restaurants.

Ob Ägypten und Tunesien für diese Art des Reisens schon bereit sind, bezweifelt Dr. Wolfgang Aschauer – war der Tourismus dort doch lange Zeit ein „paradiesischer Käfig mit starken Sicherheitsmaßnahmen“. Darüber zu urteilen, ob die Reise in ein Land im politischen Umbruch gut oder schlecht ist, hält er allerdings für ethnozentristisch. Man solle doch darauf hören, was  die Bevölkerung des Ziellandes selbst wolle.

Dr. Peyman Javaher-Haghighi weiß von Bekannten und Verwandten im Iran, dass sich die iranische Bevölkerung Tourismus wünscht und offen ist gegenüber Besuchern. Die interkulturellen Begegnungen könnten sogar den Demokratisierungsprozess anstoßen, da die Iraner durch den Kontakt mit Touristen andere Lebensformen und Sichtweisen kennen lernen könnten. Der Reiseveranstalter SKR möchte genau aus diesem Grund den Iran bald in sein Angebot aufnehmen.  Für den Geschäftsführer des Familienunternehmens Thomas Müller ist die Komponente des Austauschs zentral für Tourismus in einem diktatorisch regierten Land.

Welche Rolle spielt nun Tourismus in einem politisch instabilen Land? Die Experten sind sich einig: Man braucht diesen Wirtschaftssektor tatsächlich. Aber sie sprechen sich für eine neue Form aus – weg vom Massentourismus in abgeschotteten Hotelanlagen, gesteuert von wenigen großen Reiseveranstaltern, hin zum individuellen Reisen mit Raum für Begegnungen mit Einheimischen, von dem kleine Unternehmen profitieren. Nur dann kann der Tourismus in Ländern wie Ägypten und Tunesien nach der Revolution eine positive Rolle spielen.

Zum Abschluss warf Thomas Müller noch einen wichtigen Gedanken in die Runde: „Letzten Endes entscheidet jeder Kunde selbst, ob er in den Massenbunker möchte oder etwas anderes.“ Ob diese Botschaft zu den Besuchern und Reiseveranstalter der ITB Berlin durchdringt, bleibt durch die Abgeschlossenheit und Exklusivität dieser Veranstaltung fraglich.

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