Quelle: Maria Langhammer.

Blühende Landschaften, einmalige Architektur und wertvolle Überbleibsel längst vergangener Zeiten. Der Irak, der in den europäischen Medien sehr kritisch dargestellt wird, scheint auch eine andere Seite zu besitzen. Davon möchte zumindest der irakische Reiseveranstalter Al-Rafidian Co. Ltd. auf der ITB Berlin 2011 überzeugen. Ich denke mir, das klingt interessant: Ein Land zwischen Krieg und Tourismus. Ich suche den Stand auf und bin fest entschlossen die Frage zu klären, ob der Irak denn wirklich schon als Tourismusdestination in Frage kommen kann. Ich treffe Fadhil Al-Saaegh, Geschäftsführer der Al-Rafidian Co. Ltd.

Al-Saaegh sitzt hinter dem Informationsstand an einem kleinen weißen Tisch auf seinem Stuhl. Gastfreundschaft wird anscheinend groß geschrieben, der gesamte Tisch ist mit Datteln und Schweineohren bestückt. Halt, Schweineohren an einem irakischen Stand? Na, vielleicht hat es mit dem Vorbild Deutschland zu tun, von dem ich später hören werde. Al Saaegh sitzt lässig da, begrüßt mich freundlich. Auf seiner linken Jacketseite steckt ein Pin der irakischen Flagge: nah am Herzen. Die Arme auf den Tisch aufgestützt wartet er auf die erste Frage. Da er kein englisch oder deutsch spricht, vermittelt Haneen E., die nette Empfangsdame aus den Arabischen Emiraten mit irakischen Eltern und fast perfektem Deutsch.

„Erzählen Sie mir etwas über Ihr Land“, frage ich, damit wir miteinander warm werden. Er lächelt und spricht mit fester, selbstbewusster Stimme über sein Land. „Da ich Iraker bin, liebe ich mein Land über alles und möchte es dem Rest der Welt präsentieren. Der Irak hat viel zu bieten. Von Architektur, über Philosophie, Sehenswürdigkeiten, bis hin zur Natur. Außerdem unterscheidet sich unsere Kultur ganz stark von anderen Ländern,“ übersetzt mir Haneen. Er möchte unbedingt, dass auch mehr Touristen europäischer Herkunft in das Land kämen, erzählt sie weiter. Und nun wendet sich das Blatt. Die dunklen Kapitel des Iraks werden aufgeschlagen und kommen ins Gespräch. 

„Wir wissen, dass die Menschen sehr große Angst davor haben in den Irak zu reisen, da sie befürchten dort ihr Leben verlieren zu können. Die Medien präsentieren den Irak immer als zerstörtes und angegriffenes Land. Genau aus diesem Grund sind wir hier: Wir möchten ein schöneres Bild vom Irak vermitteln. Wir möchten zeigen, dass wir eine neue Regierung haben, dass wir eine Demokratie haben und, dass das diktatorische Regime abgeschafft wurde. Bei uns gibt es Meinungsfreiheit, wir können uns frei entfalten. Und die ganzen Geschichten, wie der Verschleierung der Frauen in unserem Land, die das Bild der Menschen über den Irak bestimmen, existieren gar nicht. Das stört uns ein bißchen. Wenn es dort nicht sicher wäre, würden wir hier als Privatsektor gar nicht auftreten und so viel Geld für die Messebeteiligung ausgeben.“

Irgendwie widerspricht dieses Bild den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, denke ich und hake nach. Sie übersetzt meine Frage und er schmunzelt. Das Handy klingelt. Es ist wichtig – der Minister ist am Hörer und wir müssen das Interview kurz unterbrechen. Ich kann jedoch nicht warten und frage unsere nette Dolmetscherin ein wenig aus. Ich finde heraus, dass es keine offizielle Tourismusvertretung der Regierung gibt. Die privaten Unternehmen übernehmen für den Irak also sowohl ihre eigene Firmenpräsentation, als auch die Vermarktung des Landes. Die Regierung sei etwas zurückhaltend aus finanziellen Gründen, berichtet sie mir.

Das Telefonat ist beendet und er wendet sich uns wieder zu – wieder mit festem Blick, leicht vor sich verschränkten Armen und in lässiger Pose. „Noch weitere Fragen?“ Aber ja, die Stellungnahme zur Reisewarnung des Auswärtigen Amtes fehle doch noch, erinnere ich Haneen. Scheinbar findet Fadhil Al-Saaegh die Frage etwas lächerlich – oder unangenehm? Er lacht, das Gesicht leicht gerötet. „Wenn die Lage nicht stabil wäre und wir für die Sicherheit nicht garantieren könnten, würden wir nicht so viel Geld in die Hand nehmen und hier auf der ITB Berlin auftreten“, wiederholt er sich. Haneen erzählt mir weiter, dass sie Versicherungsverträge mit den deutschen Unternehmen abschließen würden, um die Sicherheit der Reisenden zu garantieren. Täglich würden 5.000 Touristen in das Land einreisen und auch ohne gefährliche Zwischenfälle wieder heimkehren.

„Das bedeutet, Sie garantieren die Sicherheit durch Versicherungsverträge …“, hake ich nach. Reicht das denn aus? Gibt es Personenschutz? Polizei? Bodyguards oder ähnliches? Al-Saaegh stehe mit seinem Namen für die Reisen. Und dann wird es konkreter: Sie reisen mit uns überwiegend in kurdische Gebiete. In den Regionen, in denen viele Sehenswürdigkeiten und die beeindruckenden Tempel stehen, bestünde gar kein Grund zur Sorge, hier sei es vollkommen sicher. „Dort wurde vor dem Krieg nicht bombardiert, nach dem Krieg nicht und hier war es schon immer sicher. Der Irak an sich ist ein Traum, ist wie ein Zauber“, vermittelt die Dolmetscherin. Ich will aber wissen, ob es auch Regionen gibt, die bewusst gemieden werden. Baghdad zum Beispiel? Er schmunzelt wieder. „Von Baghdad haben die Leute ein vollkommen falsches Bild. Dort leben ca. sechs Millionen Menschen. In Sicherheit. Natürlich, eine Hauptstadt ist immer gefährdeter, Opfer von Terroranschlägen zu werden. Aber ich möchte betonen, dass ständig tausende von Menschen jeden Tag raus- und reinfahren. Und die sind auch in Sicherheit und sterben nicht.“ Na gut. Dabei belasse ich es. Und dann folgt doch noch ein Zusatz von ihm: „Trotz der sicheren Lage, bieten wir als Reiseveranstalter keine Unterkünfte, Führungen oder Reisen in Baghdad an. Wir weichen ein wenig ab und gehen in die Gebiete in Kurdistan, wo wir 100 Prozent Sicherheit gewährleisten können.“

Die Frage bleibt, ob das Land überhaupt schon reif für den Tourismus ist. Gibt es touristische Infrastruktur? Können sich die Touristen dort mit den Einheimischen verständigen? Ich erfahre, dass ein Dolmetscher immer dabei sein sollte. Viele Iraker beherrschten wohl die englische Sprache gut. Doch natürlich könne man nie davon ausgehen, dass dies für alle gilt. Das leuchtet mir nicht ganz ein, wenn nicht einmal der Chef des Reiseveranstalters Englisch spricht.

„Was wünschen Sie sich für den Irak mit Blick auf die Zukunft?“, frage ich.

Fadhil Al Saaegh wünscht, „dass sich die Lage im Irak verbessert und sich genau wie Deutschland entwickelt. Das irakische Volk hat wirklich sehr gelitten und will wieder leben.“ Warum Deutschland das Vorbild sei? Er lacht, gestikuliert selbstbewusst und ändert seine Sitzposition. „Allein schon die Autoindustrie, Mercedes Benz, BMW und so weiter“, sagt er mit einem breiten Lächeln und leuchtenden Augen. „Deutschland hat im Irak einen sehr guten Ruf. „Made in Germany“ ist für uns Iraker eine große Marke.“

„Also ist es der Wunsch, dass ,Made in Iraq‘ auch zu einem Label wird?“, frage ich mit einem Lächeln? „Ja genau, dass ,Made in Iraq‘ auch zu einer Marke wird“, fügt Haneen hinzu. Wir lachen beide, verabschieden uns voneinander. Ich mache mich wieder auf den Weg in das Redaktionsbüro und frage mich, ob Al Saaeghs beruhigenden Worte berechtigt sind.

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