Foto: Wellness-Oase auf der ITB Berlin. Quelle: Kristin Schrader

Die Angebote für Wellness-Trips häufen sich. Kaum ein Stadtbummel vergeht, ohne dass man idyllisch gelegene Hotelanlagen mit ihrem Entspannungsangebot locken. Luxuriöse Spas laden zu Wochenenden mit der besten Freundin ein. Irgendwie vergessen die Gastgeber nur leider anscheinend gerne, dass eine der beliebtesten Dinge an Einladungen deren Kostenfreiheit ist. Das Minuszeichen beim Blick auf die Kontoauszüge verdirbt auch die schönste Entspannung. Als wesentlich günstiger erweist sich da ein Besuch der ITB Berlin. Für 14 Euro lässt sich nicht nur die Welt des Tourismus entdecken. Auch zahlreiche Massagemöglichkeiten bieten Tiefenentspannung. Zumindest, wenn man kein Problem hat, sich öffentlich zu entkleiden. Wer außerdem gewillt ist, Schlangestehen eher als Fitnessaktivität zu betrachten denn als Zeitverschwendung, sollte sich schleunigst zum Messegelände aufmachen.

Als erster Anlaufpunkt für Entspannungssuchende bietet sich die Halle 16 an. Und das nicht nur, weil sie logistisch praktisch am Osteingang der Messe platziert ist. Verschiedene Anbieter locken in der Wellnessoase mit den unterschiedlichsten Formen der Entspannung. Problematisch ist nur, dass man auf ein allzu ausgiebiges Frühstück eher verzichten sollte. Für viele der Massagen muss sich nämlich in Terminlisten eintragen werden. Diese Prozedur erinnert an einen Ausverkauf bei H&M. „Heute morgen war es echt schlimm. Innerhalb von ein paar Minuten waren alle Zeiträume belegt“, berichtet Benjamin Krauss. Der Marketing-Manager der Firma beauty24 moderiert das Geschehen auf der liebevoll mit Holzboden ausgelegten Bühne in der Mitte der Halle. Leider hat das zur Folge, dass die aufgestellten Massageliegen sich in Präsentierteller verwandeln. Für manch einen dürfte es das Genusserlebnis etwas schmälern, vor sämtlichen Passanten seinen Oberkörper zu entblößen. Schließlich verdeckt das Handtuch über den Hüften nicht jedes Speckröllchen.

Fachbesucher, die schon am Freitag die Messe besuchen durften, konnten sich in dieser Hinsicht glücklich schätzen. An diesem Tag wurde unter Anderem eine Klangschalentherapie angeboten. Für diese müssen vorerst nur die Schuhe ausgezogen werden. Zugegebenermaßen fühlt es sich dafür am Anfang etwas merkwürdig an, barfuß in einer großen Metallschüssel auf der Bühne zu stehen. Wohl das erste Mal im Leben stellt sich Mitleid mit den Suppenhühnchen bei Tim Mälzer ein. Sobald Marian Chruscz jedoch mit dem großen Hammer die Schüssel in Schwingungen versetzt, breitet sich ein wohliges Gefühl im Körper aus. Zumindest im unteren Teil. Das sei vollkommen verständlich, erzählt Chruscz, der Mann mit dem Hammer. Gürtel und Büstenhalter schränken den Fluss der positiven Schwingungen im Körper ein. Also doch wieder ausziehen. Was tut man nicht alles, um Leib und Seele etwas Gutes zu tun. Und es lohnt sich: die Vibrationen steigen bis ganz nach oben. Mit dem Suppenhühnchen fühlt man sich jetzt nur noch durch die einsetzende Gänsehaut verbunden.

Eigentlich möchte man sein liebgewonnenes Schüsselchen nach dieser Erfahrung gar nicht mehr verlassen. Zu lange zu verweilen wäre allerdings Verschwendung. Es gilt, möglichst schnell wieder in die Schuhe zu schlüpfen und Gürtel und BH zuzuzurren, um rasch einen Platz auf Magdalena Moravkovas Massagestuhl zu ergattern. Nachdem die Mitarbeiterin des Spa Resorts Sanssouci ausführlich Rücken, Schultern und Armen ihrer Besucher gestreichelt, geknetet und wieder gestreichelt hat, befreit sie auch dessen Gesicht aus dem klobrillenähnlichen Kopfteil des Massagestuhls. Sind die Erinnerungen an krankheits- oder alkoholbedingten Körperkontakt zur Badezimmereinrichtung einmal aus dem Kopf verdrängt, lässt die Kopfmassage den Magen sich nur noch vor Genuss zusammenziehen. „Eigentlich wäre das noch viel entspannender“, beendet Magdalena die traumhaften fünf Minuten mit einer Entschuldigung, „aber hier haben wir natürlich nicht so viel Zeit für jeden Besucher.“ Vor lauter Dankbarkeit möchte man sie am liebsten zum Abschied in die genussspendenden Arme nehmen. Die sind nur leider schon wieder damit beschäftigt, den nächsten gestressten Messetouristen zu verwöhnen.

Zum Glück warten auch außerhalb der Wellnesshalle noch dem Wellnesshungrigen gutgesinnte Menschen. Auf der ITB Berlin bekommt die Vorstellung von Engeln in Weiß eine leicht modifizierte Bedeutung. Und auch eine andere Form. Blonde Locken sucht man beispielsweise an Heinz-G. Joeken vergebens. Nur die Haarlänge stimmt in etwa. Der leicht an einen Latino erinnernde Mitarbeiter der Firma beauty connection versucht in Halle 25, die Messebesucher mit seiner Massage von einer Kreuzfahrt zu überzeugen. Wer es eher traditionell mag, kann sich auch in die Hände zweier freundlich lächelnder Thailänderinnen begeben. Der Tourismusrat des südostasiatischen Staates setzt in Halle 26 auf den Charme und geschickten Hände seiner Einwohnerinnen, um die Touristen zu begeistern.

Für diejenigen, die nach dem vielen Körperkontakt keine Lust mehr auf menschliche Nähe haben, bietet Halle 7.1c eine echte Alternative. Dort präsentieren gleich mehrere Anbieter elektrischer Massagegeräte ihre Produkte. „Natürlich hoffen wir vor allem, durch die ITB Berlin Großkunden gewinnen zu können“, gibt Eva Bauer von invitalis zu. Der Gedanke an Kapitalismus und Geldmacherei droht sofort, das neugewonnene Gefühl von Tiefenentspannung zu zerstören. Gottseidank scheint sich die gute Frau dessen bewusst und relativiert ihre Aussage schnellstmöglich: „Vor allem wollen wir aber dem Touristen für einen Moment das Gefühl des Sich-Wohl-Fühlens weitergeben.“

Da fühlt man sich doch gleich besser. Und wider Erwarten stellt sich das versprochene Wohlfühl-Gefühl tatsächlich auch bei den elektronischen Masseuren ein. Ob kleines Massagekissen oder kompletter Massagestuhl – plötzlich ist man der vorher noch verteufelten kapitalistischen Marktwirtschaft unglaublich dankbar. Schnell sind die Plastikgartenstühle vergessen, in die man sich erschöpft hat sacken lassen. Menschliche Wärme lässt sich durch die eingebauten Heizstufen ganz gut ersetzen und auch die Knetwirkung der elektronischen Freunde steht den Händen der Engel in weiß kaum noch nach. Zudem bieten die an Wartesäle der deutschen Bahn erinnernden Stuhlreihen einen nicht unerheblichen Vorteil: das Genusserlebnis lässt sich hier mit den Freundinnen teilen. Geteilte Freude gilt ja nicht umsonst als doppelte Freude. Außerdem sind die Stühle den Gängen der Halle zugewendet, sodass auch einem ordentlichen Tratsch keine Sichtbarrieren im Wege stehen.

Falls die beste Freundin sich für das Wochenende Besseres vorgenommen hat als einen Wellness-Trip auf die ITB Berlin, lässt sich notgedrungen auch ganz gut auf den Partner als Begleitung ausweichen. Während wir uns in Heinz-G’s Lationohände begeben, kann unser Schatz sich am nahe gelegenen Golfsimulator austoben. Geschickt platziert ist auch die Rudermaschine, die die Stadt Lodz in der Nachbarhalle der Wellness-Oase aufgebaut hat. Schließlich lässt man sich nur ungerne vom Blick auf ungeduldig wippende Turnschuhe aus der Ruhe bringen, während man in Magdalenas Klobrille hängend den Alltagsstress langsam vergisst.

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